Privater Kunstblog zum Thema:

Künstlerisches Handeln in Zeiten globaler Umbrüche


Die Welt von heute scheint aus den Fugen geraten. Sie ist durch große Unsicherheit, Unübersichtlichkeit und Fragilität, Krieg und Flucht, Terror und Gewalt geprägt. Damit ist die Entwicklung unserer zukünftigen Lebenswelten wieder zu einem bedeutsamen Schwerpunkt in der Kunst geworden. Auch die Erkenntnisse und Prognosen der Techniksoziologie und der Zukunftsphilosophie werden zunehmend als Gegenstand der Kunst entdeckt. Die bildende Kunst, das Theater, die Literatur und der Film reagieren darauf auf unterschiedliche Art und Weise. Mich beschäftigt die Frage, wie kann sich der Künstler, der ja Teil dieser Entwicklungen ist, den sich daraus ergebenden existentiellen Herausforderungen sinnvoll nähern? In diesem Zusammenhang möchte ich meine Bilder aus der Zeit um 5 nach 12 in lockerer Folge vorstellen. Texte zu den globalen Auswirkungen des westlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems ergänzen diese bildlichen Darstellungen. Über Reaktionen von Künstlern, die einen ähnlichen Ansatz verfolgen, würde ich mich freuen.


SpotLights Berlin

Samstag, 5. September 2026

Abschied von der Erde?

Die Artemis II Mission der NASA im April 2026 habe ich mit großem Interesse verfolgt, weil ich mich kurz zuvor als Beitrag für eine Gruppenausstellung künstlerisch mit dem Thema Weltall und dem immensen Zeitfaktor in der interstellaren Raumfahrt beschäftigt hatte. Astronomen entdecken Jahr für Jahr neue Exoplaneten, einige davon in den sogenannten habitablen Zonen ihrer Sterne. Von den Exoplaneten, die wir derzeit kennen, ist Proxima Centauri der nächstgelegene von allen. Er ist ca. 4,37 Lichtjahre von der Erde entfernt. Mit heutiger Technologie würde der Flug zum mutmaßlichen Erdzwilling Proxima Centauri etwa 78.000 Jahre dauern. Diese gewaltigen kosmischen Entfernungen in Raum und Zeit haben mich stark beeindruckt und zu zwei Bildern inspiriert, die ich Euch später vorstellen möchte.

Aber erst mal zurück zum Post. Der Traum einer Reise zu einem fernen zweiten erdähnlichen Planeten scheitert also nicht daran, dass wir keine Raketen oder Raumschiffe - eventuell auch mit neuartigen technologischen Antriebsvarianten - bauen können. Er scheitert zunächst daran, dass das Universum unvorstellbar groß ist. 


Artemis II: Mehr als eine Mondmission


Die Mission Artemis II der NASA markiert einen historischen Schritt für Raumfahrt, Forschung und den Weg zum Mars. Anders als Artemis I, bei der das neue Raumfahrtsystem ohne Besatzung getestet wurde, waren die vier Astronauten an Bord der Orion-Kapsel die ersten Menschen seit mehr als 50 Jahren, die um den Mond herumgeflogen sind. Dabei waren sie weiter von der Erde entfernt als jede menschliche Besatzung seit der Apollo 17 Mission im Jahr 1972.

Das ist ein entscheidender Schritt in diesem neuen Kapitel der bemannten Raumfahrt. Es war kein einzelner, isolierter Besuch, sondern ein Probelauf für eine neue Ära. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr: Können Menschen zum Mond fliegen? Das wissen wir bereits. Die neue Frage lautet: Können Menschen dauerhaft jenseits der Erde leben und arbeiten? Artemis II war die Generalprobe für eine spätere Mondlandung und den Aufbau einer dauerhaften Mondbasis. Das große Ziel dahinter: Zurück zum Mond und weiter mit bemannten Flügen zum Mars.


Artemis II und der Traum von einer multiplanetaren Menschheit – Der lange Weg über den Mond zu den Sternen 


Als die ersten Menschen vor mehr als fünf Jahrzehnten den Mond betraten, schien der Weg ins All gerade erst begonnen zu haben. Doch nach den Apollo-Missionen folgte eine lange Phase der Zurückhaltung. Um den Mond wurde es wieder still. Raumstationen rückten in den Mittelpunkt, Roboter erkundeten ferne Planeten, und die großen Visionen von Städten auf dem Mars blieben vorerst Sciencefiction.

Mit dem Artemis-Programm der NASA kehrt die Menschheit nun zu einem alten Schauplatz zurück – aber mit einer neuen Absicht. Es geht nicht mehr nur darum, eine Flagge aufzustellen und wieder heimzukehren. Der Mond soll zu einem Testfeld werden: für Technologien, für neue Formen des Lebens außerhalb der Erde und für die zu beantwortende Frage, ob der Mensch eines Tages tatsächlich eine multiplanetare Spezies werden kann.

Vollmond über Bad Grund | Harz | Deutschland 2025

Plan B für die Menschheit – Warum Astrophysiker und Weltraumingenieure längst über eine Zukunft außerhalb der Erde nachdenken


Warum also investieren weltweit nationale Luft- und Raumfahrtbehörden in Zusammenarbeit mit Hochschulen und kommerziellen Partnern Milliarden in die Erforschung des Weltraums? Weshalb entwickeln Ingenieure Raumfahrzeuge für den Mars, planen Mondstationen und suchen Astronomen nach erdähnlichen Planeten in fernen Sonnensystemen?

Geht es wirklich nur um kosmische Abenteuerlust und Forscherdrang? Die Antwort lautet: Nein. Immer häufiger sprechen Wissenschaftler von einem Plan B für die Menschheit. Damit ist keine unmittelbare Evakuierung der Erde gemeint. Vielmehr geht es darum, das langfristige Überleben unserer Zivilisation zu sichern. Denn aus astronomischer Sicht ist kein Planet für immer ein sicherer Ort. Eine Zivilisation, die nur einen einzigen Lebensraum besitzt, ist verwundbarer als eine Zivilisation mit mehreren Lebensräumen. 

Prominente Physiker wie Stephen Hawking befürworten diese Forschungen. Dazu äußerte er sich in einem Interview mit dem Telegraph: „Ich glaube, dass wir keine 1000 Jahre mehr überleben werden, wenn wir zuvor nicht von diesem zerbrechlichen Planeten flüchten.“ (..) „Die Menschheit hat nur eine Zukunft, wenn sie den Weltraum erobert.“(1) Auch Michio Kaku, der zu den bekanntesten gegenwärtigen Physikern der Welt zählt, beschreibt bereits 2018 in seinem Buch „The Future of Humanity“ (2) die dringende existenzielle Notwendigkeit zum Aufbruch ins Weltall.


Die Erde ist nicht unverwundbar


Wer Nachrichten verfolgt, könnte meinen, der Klimawandel sei die größte Bedrohung für die Zukunft der Menschheit. Tatsächlich gehört er zu den drängendsten Herausforderungen unserer Zeit. Doch Astrophysiker denken in ganz anderen Zeiträumen – über Millionen oder sogar Milliarden Jahre.

Aus dieser Perspektive wird deutlich: Die Erde ist kein dauerhaft stabiles Zuhause. Das können selbst geschaffene Bedrohungen oder Naturkatastrophen sein. Große Asteroideneinschläge haben das Leben bereits mehrfach dramatisch verändert. Vor rund 66 Millionen Jahren führte der Einschlag eines etwa zehn Kilometer großen Asteroiden wahrscheinlich zum Aussterben der Dinosaurier. Solche Ereignisse sind selten, aber sie zeigen, dass unser Planet kosmischen Risiken ausgesetzt ist.

Hinzu kommen Supervulkane, extreme Sonneneruptionen oder langfristig die Entwicklung unserer Sonne selbst. In etwa fünf Milliarden Jahren wird sie sich zu einem Roten Riesen ausdehnen und die inneren Planeten des Sonnensystems grundlegend verändern. Für die Menschheit liegt dieses Ereignis unvorstellbar weit in der Zukunft – für die Astronomie ist es jedoch eine gut verstandene Phase der Sternentwicklung.



Der Traum von einer multiplanetaren Menschheit 


Diese Idee ist erstaunlich einfach. Kein Unternehmen speichert alle wichtigen Daten auf einem einzigen Computer. Kein Museum bewahrt alle Kunstwerke in einem einzigen Raum auf. Kein Saatgutarchiv existiert nur an einem Ort. Diese Beispiele wirken in diesem Kontext etwas banal. Aber sie illustrieren die Kernfrage. Warum sollte also die gesamte Menschheit ausschließlich auf einem Planeten leben?  

Das Leben ist zu kostbar, um es auf einen einzigen Planeten zu beschränken und damit der Unberechenbarkeit all dieser planetaren Bedrohungen auszuliefern. Der berühmte Astronom und Astrophysiker Carl Sagan sprach von der Notwendigkeit einer Versicherungspolice für die menschliche Zivilisation. Sagan meinte damit, dass wir eine Multi Planeten Species werden sollten. Eine zweite Erde im universellen Sinn – sei es auf dem Mond, dem Mars oder eines Tages in künstlichen Weltraumhabitaten – würde das Risiko eines vollständigen Verlustes unserer Zivilisation erheblich verringern.

Allerdings muss immer mitbedacht werden, dass jede Katastrophe, die der Erde passieren könnte, auch auf dem Mars oder Mond oder einer im All schwebenden Weltraumkolonie möglich wäre. Das gilt - wie auf der Erde - für selbst gemachte Katastrophen wie für äußere Ereignisse. 

Deshalb gibt es bei einigen Zukunftsforschern und Philosophen, die über existentielle Risiken der Menschheit und über die Besiedlung des Weltraums in welcher Ausformung auch immer nachdenken, auch die Rückversicherungsstrategie. Sie gehen davon aus, dass selbst bei einem globalen Atomkrieg oder einem nicht finalen Impaktereignis (Kollision zweier Himmelskörper mit sehr hoher Geschwindigkeit) es auf der Erde noch abgelegene Regionen gäbe, wo die Menschen überleben könnten und wieder bewohnbare Gebiete neu entstehen könnten. Diese interdisziplinär arbeitenden Wissenschaftler verkörpern gewissermaßen das Prinzip Hoffnung in der Apokalypse.

Der Mars in natürlichen Farben, aufgenommen von der al-Amal

Quelle: Wikipedia: CC BY 2.0  Kevin Gill from Los Angeles  


Die Suche nach einer zweiten Erde


Während Ingenieure an Raumfahrzeugen arbeiten, richten Astronomen ihre Teleskope auf ferne Sterne. In den vergangenen Jahrzehnten wurden tausende Exoplaneten entdeckt. Einige davon befinden sich in der sogenannten habitablen Zone, in der flüssiges Wasser möglich sein könnte. Das bedeutet nicht, dass diese Welten bewohnbar sind.  

Doch jede Entdeckung erweitert unser Verständnis darüber, wie häufig lebensfreundliche Planeten im Universum sein könnten. Die Suche nach einer zweiten Erde im Sinne von multiplanetaren Habitaten ist deshalb weniger eine konkrete Evakuierungs- und Siedlungsstrategie als eine wissenschaftliche Expedition in die Möglichkeiten des Lebens im interstellaren Bereich.

Inspirationsquelle 1: Proxima Centauri | Text in the image: The space trip to Proxima Centauri takes 78000 years

Kein Ersatz für den Planeten Erde


Bei der Suche nach erdähnlichen Planeten tritt sehr häufig ein riesiges Missverständnis auf. Die Forschungen haben nicht das primäre Ziel, einen Ersatz für unseren Planeten zu finden. Niemand in der wissenschaftlichen Gemeinschaft geht davon aus, dass die Menschheit die Erde in absehbarer Zeit vollständig verlassen wird. Selbst optimistische Szenarien sehen den Mars zunächst als kleine Forschungs- oder Siedlungsgemeinschaft. Die Erde bleibt auf lange Sicht unser wichtigster Lebensraum.

Raumfahrt ist daher kein Ersatz für Klima- oder Umweltschutz. Wer vom Mars träumt, sollte den Wert der Erde nicht unterschätzen. Eine zweite Heimat macht die erste nicht weniger kostbar. Aber wissenschaftlich betrachtet wären eine Marsbasis oder eine Weltraumkolonie keine Rettungsinseln für die gesamte Menschheit. Selbst sehr große Raumfahrtprojekte könnten in absehbarer Zeit nur einen winzigen Teil der Erdbevölkerung aufnehmen.


Die realistischere Vision lautet daher nicht: Wir verlassen die Erde, weil sie unbewohnbar wird. Sondern: Wir schützen die Erde zur Risikominimierung nachhaltig in allen Bereichen, treiben technologische Entwicklungen voran und erweitern gleichzeitig den Lebensraum der Menschheit. Kurz gesagt: Die Menschheit muss endlich anfangen ernsthaft und konsequent nachhaltig mit ihrem eigenen Planeten umzugehen und ihn in seiner Einzigartigkeit zu schützen.  

Das ist der eigentliche Kern der Forschung an Mondstationen, Marsmissionen und langfristigen Raumfahrtkonzepten. Vielleicht liegt darin die wichtigste Botschaft: Die spannendste Zukunftsvision ist nicht unbedingt, eine zweite Erde zu finden. Sondern alles dafür zu tun, dass wir die erste niemals aufgeben müssen.  


Allerdings kommen, was den Willen zu nachhaltigem Handeln angeht, große Zweifel auf, wenn man sieht, wie der Klimawandel weltweit nur halbherzig und auf Sparflamme bekämpft wird. Auch die allgemeine krisenhafte Weltlage gibt wenig Anlass für Optimismus.

Inspirationsquelle 2: Pluto | Text in the image: 248 years pass on Earth, until Pluto has completed one orbit around the Sun


An dieser Stelle komme ich noch einmal auf das Artemis II Programm zurück, indem ich den deutschen Astronauten Alexander Gerst zitiere. Auf die Frage, worin für ihn der eigentliche historische Kern des Artemis II Projektes liegt, antwortet er: 

"Wenn es die Menschheit in 10.000 Jahren noch gibt und man dann auf unsere Zeit zurückblickt, wird das evolutionshistorisch wahrscheinlich ein ähnlich bedeutender Moment sein wie der erste Fisch, der das Meer verlassen hat. Denn genau das passiert gerade: Der Mensch verlässt seinen Heimatplaneten nicht mehr nur für kurze Zeit, sondern beginnt, sich dauerhaft darüber hinauszubewegen. Wir nehmen diese Tragweite womöglich noch gar nicht wahr, weil wir zu nah dran sind. Seit zweieinhalb Jahrzehnten leben Menschen ununterbrochen im Weltraum. Für viele Jüngere ist das längst normal. Historisch ist es ein gewaltiger Schritt. Ich glaube, genau das fasziniert die Menschen an diesen Missionen: Sie spüren, dass hier etwas beginnt, das bleiben wird. Es wird keine Zeit mehr geben, in der der Mensch nicht im Weltraum präsent ist." (3)


Sämtliche Fotos außer anderweitig gekennzeichnete: Fred Tille

Quellen:

(1)Interview mit Hawking und Sarah Knapton, Science Editor der britischen Tageszeitung The Telegraph

Der Interviewtitel: Disaster on planet Earth is a near certainty, 2016.  

Stephen Hawking: disaster on planet Earth is a near certainty

(2) Michio Kaku, The Future of Humanity, Terraforming Mars, Interstellar Travel, Immortality, and our Destiny Beyond Earth, Doubleday, New York 2018

(3) Berliner Morgenpost, 21.04.2026, Interview mit Eileen Wagner,

Weiterführende Links:  

Proxima Centauri - Ein erdähnlicher Planet in unserer Nachbarschaft

New Horizons: Raumsonde zur Erforschung des Zwergplaneten Pluto

Originalwebsite der NASA zu Artemis I bis IV

Artemis II multimedia resource collection der NASA

Originalwebsite der ESA-European Space Agency  

Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt | Reiseziel Mond für das Europäische Servicemodul  

Über Alexander Gerst

Emirates Mars Mission:

Al-Amal (arabisch الأمل, ‚die Hoffnung‘, englisch Hope, auch bekannt als Emirates Mars Mission) ist eine Raumsonde der Vereinigten Arabischen Emirate zur Untersuchung der Marsatmosphäre und des Marsklimas.

MULTIPLANETARE SPEZIES | Die Zukunft der Menschheit im All  

Mehr über Leben und Werk von Car lSagan

Die Menschheit als multiplanetare Spezies in den kontrovers aufgenommenen Plänen von Elon Musk und Jeff Bezos Ein Beitrag bei Yahoo-Nachrichten (1)

Die Menschheit als multiplanetare Spezies in den kontrovers aufgenommenen Pänen von Elon Musk und Jeff Bezos Ein Beitrag bei Linkedin( 2)

Planetare Verteidigung und Earth Impact Effects Program  

Impaktwirkungen in der Erdgeschichte | Gefahren durch Einschläge  

Interdisziplinäre Wissenschaften mit dem Forschungsgebiet „Ende der Menschheit“ mit Literaturnachweisen  

Für meine Leserinnen und Leser, die gerne in anderen Blogs weiterlesen, kann ich Bernd Leitenbergers originellen interdisziplinären Blog über Raumfahrt, Computer, Ernährung und den Rest empfehlen.  

Künstlerische Positionen zum Thema Weltraum:  

Weltraum - Die Kunst und ein Traum  

Kunst und Weltraum-Ein Projekt derUniversität Zürich

Zu den Sternen! Weltraum und Weltfluchtseit der Moderne

Space Art



Freitag, 14. August 2026

Die Kunst geht baden!

ZeitBild | Nr. 13 


Vom 7. August bis 1. Oktober 2026 eröffnet die Volksbühne Berlin ein temporäres Schwimmbad vor dem Theater. Die Konstruktion ist 25 Meter lang , fünf Meter breit und 1,30 Meter tief. Rundherum verläuft ein Steg aus Holzpaneelen. Der Gesamtaufbau sieht etwas skurril, aber auch interessant aus. Das temporäre „Volksbad“ soll zugleich kulturelles Experiment und Kommentar zur angespannten Infrastruktur der Stadt sein. 



Nicht nur Badespektakel

Matthias Lilienthal, künftiger Intendant der legendären Berliner Volksbühne, versteht das direkt vor dem Theater aufgebaute „Volksbad“ nicht ausschließlich als Freizeitangebot, sondern als politisches Statement. Der Mangel an Schwimmbadkapazitäten, aber auch Defizite bei Verkehr, Bildungseinrichtungen und anderen öffentlichen Angeboten seien in der Stadt vielerorts sichtbar. Das „Volksbad“ greift diese Debatte auf und verbindet sie mit einem offenen Kulturverständnis.

Mit diesem ungewöhnlichen Projekt knüpft Lilienthal zugleich an die traditionsreiche Geschichte der Volksbühne an. Seit ihrer Gründung steht das Haus für den Anspruch, Kultur einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Das Leitmotiv „Die Kunst dem Volke“, das einst die historische Fassade schmückte, erhält mit dem frei zugänglichen Badeangebot eine ungewöhnliche zeitgenössische Interpretation.


Der Pool als Politikum


Wie schnell der Pool zum Politikum wird, zeigt die Absage einer gemeinsamen Aktion der Volksbühne mit dem Verein Each One Teach One (EOTO). Der Verein setzt sich für die Interessen Schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Menschen in Deutschland und Europa ein. Am 14.08.2026 sollte in einem Timeslot von 12.00 bis 18.00 Uhr das Freibad vor der Volksbühne für die Schwarze Community reserviert werden. 

Ziel der Veranstaltung sei es gewesen, einen schönen Sommerferien-Nachmittag für die teilnehmenden Kinder und Jugendlichen und ihre Angehörigen zu organisieren. Damit sollte für Menschen, die strukturell in der Gesellschaft benachteiligt werden, ein sicherer Raum geschaffen werden. Aufgrund rassistischer Mails und Gewaltdrohungen sagte der Verein das Event aus Sicherheitsgründen ab. 


Kosten-Nutzen: Ist das nun viel oder wenig? 


Das gesamte Projekt "Volksbad" kostet 300.000 Euro. Das ruft natürlich auch Nörgler und Kritiker auf den Plan. Sie stellen die Frage, wie sich die Volksbühne, die in dieser Theatersaison mit 5,5 Prozent weniger Geld auskommen muss, so einen Pool leisten kann. Setzt man die 300.000 Euro in Relation zu den Kosten eines laufenden Theaterbetriebes, ergibt sich ein differenzierteres Bild. Die Volksbühne öffnet in diesem Jahr erst einen Monat nach dem eigentlichen Ende der Sommerpause wegen dringend notwendiger Reparaturarbeiten an der Bühnentechnik.

Dadurch wurde Budget frei, das normalerweise zum Theaterspielen verwendet wird. "Es ist nicht der blaue Pool, der so viel gekostet hat", sagt "Volksbad"-Programmkoordinatorin Friederike Kötter: „Der sei gemietet und der Rest der Materialien werde später für andere Bühnenbilder wiederverwendet. Es seien hauptsächlich die Personalkosten, die zu Buche schlagen würden. Und die hätte man eh, ob für das Schwimmbad oder für eine andere Produktion.“ 


Aber was soll das Ganze? 


Das temporäre Schwimmbecken wirkt als kulturelle Intervention in den Sozialraum Berlins hinein und ist damit in gewisser Weise auch eine Inszenierung. Dadurch dass die Grenze zwischen Theater und Stadt aufgehoben wird, ergibt sich die oft zitierte aber selten erreichte Verbindung von Kunst und Leben wie von selbst. 

Das Volksbad vor der Volksbühne ist ein mutiges Projekt der Theatermacher. Die Bevölkerung dankt es Ihnen mit großem Andrang auf die Badezeitfenster. Die kommenden Tage sind ausverkauft. Das freut auch den künftigen Intendanten: "Ich wollte immer schon Schwimmbadleiter werden und nicht Theaterdirektor, und den Wunsch habe ich mir jetzt erfüllt", sagt Matthias Lilienthal.


Gesamtansicht der Volksbühne. Im Vordergrund ist das Räuberrad zu sehen. Es ist eine Metallskulptur und zugleich das Logo der Volksbühne Berlin.


 

Markante Säulenfassade und Kulturtempel 

 

Mit ihrer markanten Säulenfassade prägt die Volksbühne seit mehr als einem Jahrhundert das Stadtbild am Rosa-Luxemburg-Platz. Vor 130 Jahren gründete sich der Verein Freie Volksbühne für Arbeiter. Ein Mitglied zahlte 50 Pfennig im Vierteljahr, konnte dafür an drei Sonntagen nachmittags ins Theater gehen.

Durch Spenden und Arbeitergroschen konnte sich der Verein den Wunsch nach einem eigenen Theater erfüllen. Nach einem Entwurf von Oskar Kaufmann wurde das Theater 1913 bis 1914 mit wuchtigen Säulen als monolithisch anmutender Kulturtempel der Arbeiter am ehemaligen Bülowplatz errichtet.

Die Eröffnung erfolgte am 30. Dezember 1914 wenige Monate nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges. „Eine Kulturtat inmitten der Kriegswirren“, schrieb die Presse damals.


Weiterführende Links:

Originalwebsite der Volksbühne Berlin ( also EN)

Zur Geschichte der Volksbühne

Mehr zum VOLKSBAD am Rosa-Luxemburg-Platz auf der Website des Theaters (also EN)

Originalwebsite von Each One Teach One (EOTO) (In many languages)

Mehr zum Räuberrad


Sonntag, 15. März 2026

Der Humanist mit der Kamera | Fotograf James Nachtwey in Berlin

In Berlin begegnete ich den Fotografien von James Nachtwey zweimal. Das erste Mal 2007 in der Ausstellung Men, War & Peace:Helmut Newton, James Nachtwey, David LaChapelle in der Helmut Newton Foundation und zum zweiten Mal in der aktuellen Retrospektive der Fotografiska Berlin 2026 mit dem Titel Memoria.

In der Ausstellung Men, War & Peace wurden den Portraits Helmut Newtons größere Werkgruppen von James Nachtwey und David LaChapelle gegenübergestellt.

Den amerikanischen Lifestylefotografen David LaChapelle mit seinen grell und bilderstürmerisch inszenierten Bildern einer hedonistischen USA-Gesellschaft und die Männerportraits von Helmut Newton, der im allgemeinen mehr als Fotograf von vorzugsweise nackten Frauen aus der Welt des Modedesigns bekannt ist, mit den aufrüttelnden und schockierenden Bildserien Nachtweys aus den Krisenregionen der Welt zu kombinieren, war ein gewagtes Unterfangen. Die Ausstellungsmacher charakterisierten James Nachtwey aber treffend als „Humanist mit der Kamera.“

Der tiefe moralische Anspruch den Nachtweys Fotografien vermitteln, hatte mich schon damals in der dreiteiligen Ausstellung am meisten beeindruckt. Einigen dieser Bilder von der Hungersnot im Sudan, dem Krieg auf dem Balkan, der Belagerung von Kabul und dem Völkermord in Ruanda begegnete ich in Memoria erneut. 

Blick in die Ausstellung

Der Fotograf James Nachtwey dokumentiert seit mehr als 40 Jahren Kriege und Krisen. Fotografiska Berlin zeigt nun eine Retrospektive. Nachtwey hat die Ausstellung in Zusammenarbeit mit Fotografiska selbst kuratiert.

Dabei legte er den Fokus der Ausstellung offensichtlich darauf, Bilder nicht als Kunstwerke, sondern als Mittel der Berichterstattung darzustellen. So wurden in einer Installation die Bilder direkt Rahmen an Rahmen gehängt wie eine fortlaufende Erzählung. Sehr gut gelungen, fand ich auch, dass in allen Serien die Formate der Bilder vielfach angeglichen wurden, was ihre Gleichwertigkeit unterstreicht. Sehr gut war auch, dass zu den gezeigten Bildern deren Entstehungszusammenhang in Begleittexten erklärt wurde. Dadurch waren die jeweiligen Bildinhalte anschaulich nachvollziehbar und erhöhte die Wirkung der Bilder auf den Betrachter enorm.

Einige Fotografien in Memoria erscheinen beinahe wie inszenierte Kompositionen, ganz so, als hätte der Fotograf sie lange im Voraus geplant. Tatsächlich wurden sie in Bruchteilen von Sekunden in Situationen, in denen er nur seinem Instinkt trauen konnte und oft unter Lebensgefahr aufgenommen.

Eingang von Fotografiska Berlin

„Seine Arbeit zeigt aber nicht nur die Schlachtfelder. Er dokumentierte auch die stillen Krisen, die mit den Kriegen einhergehen: Vertreibung, Hungersnot, Verfolgung und die tägliche Tapferkeit der Menschen, die das Unvorstellbare durchleben. Er war dort, wo andere nicht mehr hingingen, und folgte dabei einem Prinzip: Zeugnis ablegen, ohne auszubeuten; Leid zeigen, ohne den Abgebildeten die Würde zu nehmen; und festhalten, dass selbst im Moment der absoluten Verwüstung der Mensch das ist, um was es geht.“ (Pressetext Fotografiska)

Wim Wenders hat das sehr gut auf den Punkt gebracht:

„Wir sollten aufhören, ihn einen „Kriegsfotografen“ zu nennen. Wir sollten ihn vielmehr als einen Mann des Friedens betrachten – als jemanden, dessen Sehnsucht nach Frieden ihn in den Krieg gehen und sich selbst Gefahren aussetzen lässt.“(Pressetext Fotografiska)

Diesen Gedankengang hat Nachtwey selbst als entscheidendes Element seiner fotografischen Arbeit benannt. 

„Ich bin ein Zeuge und ich will, dass meine Aussage aufrichtig und unzensiert ist. Ich will auch, dass sie kraftvoll und eloquent ist und so treu wie möglich im Hinblick auf die Erfahrung der Menschen, die ich fotografiere“ (James Nachtwey 2007) und 

"I have been a witness, and these pictures are

my testimony. The events I have recorded should

not be forgotten and must not be repeated."

(James Nachtwey | Originalwebsite)


Die nachfolgenden Bilder aus Memoria verdeutlichen eindringlich den moralischen Anspruch seines fotografischen Werkes und zeigen ihn als Humanisten mit der Kamera.

Mostar | Bosnia-Herzegovina, 1993

Kabul | Afghanistan, 1996

Kabul | Afghanistan, 1996

Darfur | Sudan, 2004

Irpen | Ukraine, 2022


ÜBER DEN KÜNSTLER: James Nachtwey (geb. 1948) zählt zu den wichtigsten Fotojournalisten der letzten fünf Jahrzehnte. Seit 1981 dokumentiert er weltweit Konflikte und gesellschaftliche Umbrüche. Er arbeitete ab 1984 als Vertragsfotograf für TIME, war von 1986 bis 2000 Mitglied von Magnum Photos und von 2001 bis 2008 bei der von ihm mitbegründeten Agentur VII. Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Ehrungen: fünfmal die Robert Capa Gold Medal, achtmal den Titel Magazine Photographer of the Year, außerdem zweimal World Press Photo of the Year, den Dan David Prize, den TED Prize und den Princess of Asturias Award. Arbeiten Nachtweys sind in wichtigen internationalen Institutionen vertreten, etwa im Museum of Modern Art, im Whitney Museum of American Art, im San Francisco Museum of Modern Art, im Museum of Fine Arts in Boston, in der National Gallery in Washington, D.C., im Centre Pompidou und im Getty Museum. 2001 wurde Christian Freis „War Photographer“, ein Dokumentarfilm über James Nachtweys Leben und Arbeit, für einen Academy Award nominiert. (Quelle: Pressetext Fotografiska)

Sämtliche Fotos außer anderweitig gekennzeichnete: James Nachtwey und Presseabteilung Fotografiska Berlin. Die Urheberrechte des Fotografen James Nachtwey sind zu beachten.

Weiterführend Links:

Die Originalwebsite Witness – Photographie by James Nachtwey zeigt einen umfassenden Querschnitt seines fotografischen Werkes.  

Topadressen für internationale Fotografie in Berlin:

Fotografiska Berlin

Helmut Newton Foundation | Museum für Fotografie

C|O Berlin

CAMERA WORK Gallery



Donnerstag, 25. Dezember 2025

Lange Weile | Bilder einer Ausstellung

 

Plakat zur Ausstellung

Zum Jahresende möchte ich Euch wieder einmal Bilder einer Ausstellung von KünstlerInnen des Kulturpunkt Stilus e.V. vorstellen. Als Mitglied des Kunstvereins habe ich vom 09.11. bis 07.12.2025 an der Gruppenausstellung zum Thema Lange Weile teilgenommen.

Die Künstlerinnen und Künstler haben sich diesem nicht ganz einfach zu bearbeitenden Thema unter verschiedenen Gesichtspunkten genähert. 

Der Kulturpunkt Stilus e.V. ist eine Gruppe von Künstlern, die in den verschiedensten Kunststilen und Ausdrucksformen arbeiten. Dabei ist der gesellschaftskritische Bezug bei vielen der Künstler essentiell. Allen gemeinsam ist es, Vielfalt, Andersartigkeit und Toleranz in der Kunst als Stärke zu verstehen und so neue Sichtweisen zu entwickeln. Die Darstellung von Disharmonien und Konflikten bildet ein weiteres zentrales Moment der Arbeiten der Stiluskünstler, die sich in diesem Jahr das Thema Langeweile? Lange Weile! gestellt haben.

Im Folgenden stelle ich euch beispielhaft einige künstlerische Positionen vor.

Lange Weile / Text von Dr. Peter Scholz

Wannsee - Foto: Peter Scholz

Mit der „langen Weile“ lässt sich gut in der Natur verweilen, um Kraft zu tanken und neue Ideen zu generieren. Dazu gehört das Beobachten der Rehe auf einer Waldwiese, ein Spaziergang durch den Grunewald oder das Verweilen am Ufer des Wannsees, dabei die Aussicht genießen oder den Horizont erweitern. Das Verweilen in der Natur erzeugt auch eine Entschleunigung und Resilienz in einer Welt mit all den Konflikten. 

Lange Weile in Quito / Text von Ekhard Gaede

Screenshot: Fred Tille

Weihnachtszeit, besinnliche Zeit. Doch abseits des turbulenten Wochenmarktes in Quito, Ecuador scheint sich diese Verkäuferin von künstlichen Tannenbäumen zu langweilen, während sie auf Käufer wartet. Die Zeit will nicht vergehen, wenn man aktiv werden möchte ohne es zu können. Vielleicht trügt aber auch der Schein, und sie genießt ihren unfreiwilligen Müßiggang, der ihr eine Pause beschert und sie eine Weile ihren Gedanken überlässt  

Konfrontation / Text von Ellen Ernst 

Foto: Ellen Ernst

Für eine lange Weile die Zeit anhalten, z.B. bevor eine kritische Situation eskaliert oder beim Wettkampf der nächste Schritt über Sieg oder Niederlage entscheidet, aber auch, um etwas Schönes länger genießen zu können. Das Unmögliche möglich machen und die Gegenwart eine lange Weile festhalten, bevor sie zur Vergangenheit wird. Die Malerei kann den flüchtigen Moment sozusagen einfrieren. Bewegung und Veränderung und deren malerische Umsetzung spielen seit jeher eine besondere Rolle in meinen Arbeiten. Wie kann Bewegung im Bild erlebbar werden? Was wird wohl als Nächstes geschehen? Ist der nächste Augenblick bereits wahrnehmbar während die Zeit eine lange Weile stillsteht? 

Raum – Mensch – Zeit / Text von Fred Tille 

Pluto - Foto: Fred Tille

Für den Fall, dass unsere Erde für Menschen unbewohnbar sein wird, arbeiten die Astrophysiker seit Jahren an einem Plan B. Mit interstellarer Raumfahrt wollen sie den Weltraum erforschen und Kolonien im All oder auf anderen erdähnlichen Planeten errichten. Astrophysikalische Berechnungen zeigen jedoch, dass die Zeiträume im Weltraum gemessen an der durchschnittlichen Lebensspanne der Menschen zur Zeit unüberwindbar immens sind. So vergehen zum Beispiel 248 Jahre auf der Erde, bis Pluto einmal die Sonne umrundet hat. Das ist eine ziemlich lange Zeit, nicht wahr?

500 Jahre – welch lange Zeit – welch lange Weile! Der Bauernkrieg von 1525: Uffrur! Für Gerechtigkeit und Freyheit! / Text von Gabriele Tille-Tagge 

Foto: G. Tille-Tagge

„Eine neue Ordnung machen in der Welt“ wollten die Bauern in den Aufständen von 1525. Thomas Müntzer u.a. führten die Kämpfe gegen Unterdrückung und Ausbeutung der Bauern in Franken und Mitteldeutschland an. Auch wenn sie ihre Ziele nicht erreichten: Die Vision einer neuen, gerechteren Gesellschaftsordnung wurde auf den Weg gebracht. Der Bauernkrieg gilt auch nach 500 Jahren noch als Symbol für revolutionäre Demokratiebestrebungen und dem Wunsch nach einem Wandel politischer Systeme bis heute. Bauernkrieg - Kriege - und kein Ende?

Der LangWeiler - Von Langeweile keine Spur. / Text von Olaf Kaminski 

Foto: Olaf Kaminski

Der LangWeiler - Von Langeweile keine Spur. „Hin und her, hin und her, ewig fahr ich hin und her“ * Frustation schafft Langeweile. Der Glückliche langweilt sich nicht. Seine Zeit vergeht im Fluge. Was er vorhat setzt er mit Erfolg um. Ihm gelingt alles. Manchmal genießt der Glückliche die „Lange Weile“. Dann wird er zum LangWeiler zum Edelmann des Lebens. Dann liegt der LangWeiler in der Sonne am Meer, verfolgt das lustige Spiel der Möwen und träumt. Von Langeweile... keine Spur.

*Der Fährmann im Märchen vom Teufel mit den drei goldenen Haaren 

Stillstand der Zeit – Langeweile im Blick“ / Text von Thomas Wiersberg 

Barnim - Foto: Thomas Wiersberg

Langeweile ist heutzutage tendenziell negativ konnotiert, doch kann sie auch Raum für Kreativität und Reflexion bieten. Die Fotoserie „Stillstand der Zeit – Langeweile im Blick“ thematisiert das Gefühl der Langeweile und versucht, die verborgene Schönheit der Langeweile einzufangen.

Die Bilder entstanden während mehrerer Fotoexkursionen in Dörfern der Umgebung von Berlin, in denen die Zeit scheinbar stillgestanden ist. Die Motive, oft geprägt von einer ruhigen, fast meditativen Atmosphäre, sollen den Betrachter einladen innezuhalten und die kleinen Details des Alltags zu betrachten, die sonst leicht übersehen werden. Dabei verwenden die Bilder durchgehend dasselbe Bildformat, Bildgröße und Brennweite, sowie eine Reduktion der Darstellung auf Schwarz/Weiß. Diese bewusste Entscheidung für eine einheitliche Ästhetik verstärkt den Eindruck von Zeitlosigkeit und lässt den Betrachter die Motive intensiver wahrnehmen.

Nationalpark Jasmund/Buchenwald Stubnitz / Text von Helga Lehner 

Screenshot: Fred Tille

Wer im Frühsommer den Buchenwald im Nationalpark Jasmund betritt, dessen Blick weitet sich angesichts der in lockerer Reihe stehenden Buchenstämme. Die Kronen der über 20-30 Meter hohen Buchen mit ihren zartgrünen Blättern verteilen das Sonnenlicht zu einem grünen Lichtdach, das über den Wanderern leuchtet. Doch wenn am Nachmittag unvermittelt Nebel von der Küste auf die Buchen fällt, wechselt das helle Licht in zartes Grau und versetzt die Bäume in einen geheimnisvollen Nebelwald. Der Buchenwald auf dem Jasmund ist mit 650 000 Bäumen der Größte seiner Art an der Ostsee. Seit 800 Jahren stehen Buchen hier. Welch eine lange Weile hat es gedauert, bis der Buchenwald über die Jahrhunderte zu dieser Größe und Schönheit herangewachsen ist. 

Die Zeit der Ungeduld / Text von Dietmar Steinkamp

Screenshot: Fred Tille

Im Fluss der Zeit offenbart sich eine verborgene Melodie – die Symphonie der langen Weile: Erosion, die nicht nur zerbricht, sondern auch formt. Korrosion, die zwar zerfrisst, doch so gestaltet. Langeweile bleibt nicht mein Feind, wird stiller Begleiter der Schöpfung. Ruhe kommt vor ungezügeltem Sturm der Inspiration. In Erosion und Korrosion liegen geduldete Weisheit: Abtrag und Zersetzung hinterlassen Raum für Neues. Die lange Weile wird Künstlerin, die alte Strukturen auflöst, um frische Formen zu finden. Eine Kunst des Vergehens, und doch Akt des Werdens. Die Zeit nutzt Entropie als richtungsweisende Kraft. Dieser allgegenwärtige Sinn des Lebens ermöglicht Veränderung und Wachstum: Langeweile, von Verlust bis Transformation. Nur Geduld!

Copyright für Texte, Werkabbildungen, Fotos bei den Künstlern.

Weiterführende Links:

Website von Kulturpunkt Stilus e.V. mit Link zum Flyer zur Ausstellung

Wer Lust zum Stöbern hat: Hier der Link zu meinem letzten Post Versuchung-Bilder einer Ausstellung von KünstlerInnen des Kulturpunkt Stilus e.V.

Mittwoch, 26. November 2025

Tarnnetze an der Neuen Nationalgalerie Berlin



Im Rahmen des dreitägigen Festival of Future Nows (31.10. bis 02.11.2025) war die Neue Nationalgalerie Berlin teilweise mit militärisch genutzten Netzen aus der Ukraine verhüllt. 120 Tarnnetze hingen an der Fassade des Mies van der Rohe-Baus. Es handelte sich um das Projekt „Lachen ist verdächtig“ des Berliner Künstlers Fabian Knecht. Hierfür brachte er auf sechzig Quadratmetern handgeknüpfte Netze, die zur Tarnung von Gebäuden von Menschen aus der Ukraine aus alten Kleidern angefertigt wurden, an der Fassade an.

Das Festival fand 2014 erstmals anlässlich des Abschlusses des von Olafur Eliasson geleiteten Modellstudiengangs Institut für Raumexperimente an der Universität der Künste (UdK) statt. Der Direktor der Nationalgalerie Klaus Biesenbach und der dänisch-isländische Kunst-Superstar Olafur Eliasson hatten überlegt, wie sie das Jubiläum ihrer 30-jährigen Kooperation feiern könnten. Sie wollten dazu alle Künstler einladen, mit denen sie zusammengearbeitet hatten.

Können wir nicht die ganze Stadt einladen?, hatte Eliasson gefragt. So wurde das Future-Festival 2025 geplant, das allen Menschen einen leichten Zugang zu Aspekten urbaner Zukunft ermöglichen soll. Der Massenandrang, der auf dem Foto zu sehen ist, zeigt, das das Publikum diese Einladung dankend angenommen hatte. 

Weiterführende Informationen:

Original Website Neue Nationalgalerie Berlin zum Festival of Future Nows ( DE | EN )

Original Website von Olafur Eliasson

Universität der Künste Berlin


Sonntag, 17. August 2025

Polympsest - Neue Bilder von Norbert Bisky in Berlin

Exhibition view: Norbert Bisky, Polympsest, Esther Schipper Berlin, 2025
Courtesy the artist and Esther Schipper Berlin/Paris/Seoul
Photo © Andrea Rossetti 
© Norbert Bisky / VG  Bild-Kunst, Bonn 2025 

Über die Malerei von Bisky habe ich in meinem Blog schon dreimal berichtet. Diesmal möchte ich Euch seine neuen Arbeiten vorstellen, die er vom 13.06. bis 30.07.2025 in der Galerie Esther Schipper, Berlin ausgestellt hat.

Mit dem Titel Polympsest setzt Bisky - wie in den vergangenen Ausstellungen Pompa und Rant - seine Vorliebe für exotische und etwas kryptische Titel fort.

Polympsest ist eine Wortneuschöpfung von Bisky, die sich aus dem antiken Palimpsest, einem Manuskript, das immer wieder überschrieben wurde, ohne dass die Spuren früherer Texte ganz verschwanden und aus poly, das für Vielfalt steht, zusammensetzt. Nach Bisky beschreibt Polympsest den Zustand, in dem sich nichts mehr eindeutig trennen lässt. Damit wollte er nach eigener Aussage „ein Wort für alle Schichten finden, die in meinen Bildern vorkommen.“ Vielfalt und Überlagerung sind folglich die zwei Grundprinzipien seiner neuen Arbeiten. 

Die Basics der künstlerischen Positionen von Bisky könnt ihr in meinen Posts nachlesen:

Trilemma

Bisky geht an die Decke Teil 1

Bisky geht an die Decke Teil 2


Norbert Bisky Park Society, 2025 Oil on canvas 150 x 200 cm , Courtesy the artist and Esther Schipper, Berlin/ Paris/Seoul, Photo © Valentin Wedde , © the artist / VG Bild-Kunst, Bonn 2025   

Am Auffälligsten ist die Einarbeitung von Buchstaben als neuem Element in Biskys Bildsprache. Er beziehe sich, sagt er, auf die Affichistes, einer kleinen französischen Künstlergruppe, die Plakate, (französisch: affiche) zur Grundlage ihrer Kunst machte. Das Wort Affichist heißt demnach so viel wie Plakatkünstler bzw. Plakatabreißer.

 Als eine Künstlerbewegung der Nachkriegszeit, bei der die Präsenz an den Krieg und seine verheerenden Folgen dominierte, beabsichtigten die Affichisten, die Realität mit all ihrer Verzerrung und Verwüstung in ihrer Kunst zum Ausdruck zu bringen. Ihre Ausdrucksmittel fanden sie folglich in den anonym zerrissenen Plakaten auf den Straßen, die die verzerrte Realität verkörperten.“ (1)

Bisky hat diese Inspirationsquelle nicht nur formal, sondern auch konzeptionell in seine aktuellen Arbeiten einfließen lassen. Die Plakatreste, die in seinen Bildern auftauchen, stammen aus der Umgebung seines Ateliers in Berlin-Friedrichshain. Statt sie jedoch direkt zu übernehmen, hat Bisky die Relikte abfotografiert und malerisch in seine Arbeiten eingefügt.

Norbert Bisky Petroglyph, 2025 Oil on canvas 150 x 120 cm, Courtesy the artist and  Esther Schipper, Berlin/ Paris/Seoul, Photo  © Valentin Wedde, ©  the artist / VG  Bild-Kunst, Bonn 2025 


Der Maler zeigt Schauplätze des Berliner Lebens, die durch Zerrissenheit, Widersprüchlichkeit und Gegensätzlichkeit geprägt sind. In seiner Bildsprache trifft Werbung auf Protest, Privates auf Politisches und Schönheit auf Zerstörung.

Auf den Leinwänden tauchen immer noch Jünglinge auf, die zu seinem Markenzeichen geworden sind. Aber sie tummeln sich nicht mehr im Paradies, sie werfen Steine. Sie sind vermummt wie die Demonstranten bei G20-Gipfeln. Sie fallen aus dem Himmel und landen zwischen Palmenzweigen, lichterloh brennenden Luxushochhäusern und taumelnden Hubschraubern. Diese bunte, farbenfrohe Welt brennt. Bei Bisky ist die Apokalypse bunt.


Norbert Bisky Oblivion, 2025 Oil on canvas 170 x 130 cm, the artist and Esther Schipper, Berlin/ Paris/Seoul, Photo © Valentin Wedde, © the artist  / VG Bild-Kunst, Bonn 2025  

Norbert Bisky  Rewind, 2025 Oil on canvas 190 x 160 cm, Courtesy the artist and Esther Schipper, Berlin/ Paris/Seoul, Photo  © Valentin Wedde, © the artist /VG Bild und Kunst, Bonn 2025   

Die Wände der Galeriehalle nehmen das Ausdrucksmittel der Affichistes auf. An etlichen Stellen kleben hinter den Bildern Biskys monochrome Fototapeten, die die Zeichensprache des Großstadtraumes wiedergeben: Schichten von abgerissenen Plakaten, die wieder überklebt wurden. Urbane Überreste von Graffiti und vereinzelte Buchstaben. Diese Präsentationsform korrespondiert meiner Ansicht nach sehr gut mit dem Ausstellungstitel Polympsest und verstärkt die Wirkung der expressiven Bilder. Bildfetzen des Großstadtalltags fliegen über die Leinwände.

Exhibition view: Norbert Bisky  Polympsest, Esther Schipper, Berlin, 2025, Courtesy the artist and Esther Schipper, Berlin/ Paris/Seoul,  Photo  © Andrea Rossetti,  © Norbert Bisky / VG Bild-Kunst, Bonn 2025


On the wall: Norbert Bisky Rewind, 2025 Oil on canvas 190 x 160 cm, Foreground: Norbert Bisky  Lit f, 2025, Assemblage  of found street lights, signage and urban objects, lighting electronics
231 x 100 x 70 cm

Exhibition view:  Norbert Bisky, Polympsest, Esther Schipper, Berlin, 2025, Courtesy the  artist and Esther Schipper, Berlin/ Paris/Seoul , Photo  © Andrea Rossetti , © Norbert Bisky /  VG Bild-Kunst, Bonn 2025


Biskys Malerei ist nach wie vor kraftvoll und verarbeitet mit direktem malerischen Zugriff relevante gesellschaftspolitische Themen. In der Ausstellung gibt es für den Betrachter wirklich etwas zu sehen. Zum Abschluss noch ein Zitat des Malers zu seiner Ausstellung Polympsest:

Es geht mir nicht um einen aktuellen Kommentar, das wäre nächste Woche schon veraltet. Aber ich will die Gegenwart spürbar machen.“ (2).


Quellen:

(1) Affichisten Wikipedia 

(2)  Berliner Morgenpost vom 25.06.2025

Weiterführende Links:

Die Affichisten – Poesie der Großstadt

Hinweis: Dieser Link enthält Kaufwerbung von Amazon. Er vermittelt aber einen guten

Überblick zur Kunst der Affichisten mit Beispielen ihrer Arbeiten.

Galerie Esther Schipper (only in English)

Originalwebsitevon Norbert Bisky