Privater Kunstblog zum Thema:

Künstlerisches Handeln in Zeiten globaler Umbrüche


Die Welt von heute scheint aus den Fugen geraten. Sie ist durch große Unsicherheit, Unübersichtlichkeit und Fragilität, Krieg und Flucht, Terror und Gewalt geprägt. Damit ist die Entwicklung unserer zukünftigen Lebenswelten wieder zu einem bedeutsamen Schwerpunkt in der Kunst geworden. Auch die Erkenntnisse und Prognosen der Techniksoziologie und der Zukunftsphilosophie werden zunehmend als Gegenstand der Kunst entdeckt. Die bildende Kunst, das Theater, die Literatur und der Film reagieren darauf auf unterschiedliche Art und Weise. Mich beschäftigt die Frage, wie kann sich der Künstler, der ja Teil dieser Entwicklungen ist, den sich daraus ergebenden existentiellen Herausforderungen sinnvoll nähern? In diesem Zusammenhang möchte ich meine Bilder aus der Zeit um 5 nach 12 in lockerer Folge vorstellen. Texte zu den globalen Auswirkungen des westlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems ergänzen diese bildlichen Darstellungen. Über Reaktionen von Künstlern, die einen ähnlichen Ansatz verfolgen, würde ich mich freuen.


Dienstag, 4. Oktober 2022

Es war einmal ein Gasometer!

ZeitBild | Nr.8





Es war einmal ein Gasometer! 
ZeitBild | Nr.8
Gasspeicher stehen im Zeichen der durch den Ukraine-Krieg verursachten Energiekrise wieder hoch im Kurs. Der abgebildete Gasometer ist seit 1995 außer Betrieb. Ab 2021 wird der stillgelegte Gasometer denkmalgerecht saniert und durch das Europäische Energieforum (EUREF) einer innovativen Nutzung zugeführt. Das Stadtquartier rund um den Gasometer wird zu einem Reallabor der Energiewende. Damit bleibt der Gasometer gleichermaßen ein Berliner Wahrzeichen und das bauliche Symbol des Energiewendestandorts. Der Innenraum des Gasometers wird zu einem Konferenzzentrum und Büroneubau ausgebaut. Der Gasometer ist jetzt zu 75% gefüllt. Allerdings mit einem Betoneinbau. In der heutigen Zeit wäre es vielen Berlinern lieber er wäre mit Gas gefüllt.
Foto: Fred Tille




Die Schönheit der großen Stadt: Gasometer als Thema von Malerei 

Die Gasometer der privaten und städtischen Gasanstalten wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Berliner Stadtbild unübersehbar. Im Jahr 1896 gab es bereits 33 dieser kolossalen Bauwerke im Stadtgebiet. Bedeutende Künstler wie Meidner, Heckel, Baluschek und Feininger entdeckten sie als Themen ihrer Malerei und stellten die Gasbehälter als eigenständige Bauwerke dar. Die Entwicklung von Industrie und Technik in der aufstrebenden Metropole Berlin wurde zunehmend zu einem bedeutsamen Sujet in der Malerei von 1850 bis 1930.

1908 verfasste der Architekt und Kunsttheoretiker August Endell eine Publikation mit dem Titel Die Schönheit der großen Stadt. Von daher verwundert es nicht, wenn für Meidner Gasometer architektonische Monumente von größter Symbolkraft für die Segnungen der modernen Technik waren. Nach der Errichtung des Berlin-Schöneberger Gasspeichers sprachen Architekten und Künstler euphorisch von einer Kathedrale der Technik. 

Der eigentliche Gasbehälter bewegt sich innerhalb eines Führungsgerüsts. Je nach Füllstand schiebt sich der Gasbehälter nach oben oder unten. Ich wohnte in der Zeit als der Gasometer noch in Betrieb war in Schöneberg und bin oft an ihm vorbeigefahren. Wenn der Behälter oben stand, ragte er am Ende der Häuserzeilen wie ein Berg auf und versperrte die Sicht. So hat es wohl auch Meidner empfunden als er von Gasometern sprach, „welche in weißen Wolkengebirgen hängen.“

Meidner hat wiederholt Berliner Gasometer gemalt, allerdings nie den hier dargestellten. Den hat sich der Maler Lyonel Feininger als einziges von ihm gemaltes Berlin-Motiv gewählt.

Eine Ausstellungsbesucherin betrachtet das Bild von Lyonel Feininger, Gasometer in Berlin-Schöneberg. Blick in die Ausstellung der Stiftung Stadtmuseum Berlin, Die Schönheit der großen Stadt, 2018 im Museum Ephraim-Palais


Feininger, der von von 1887 bis 1937 in Berlin lebte, hat den Gasometer von Schöneberg in flammenden Farben gemalt. Das zwischen 1907 und 1912 entstandene Gemälde zeigt den Stahlbehälter in gelb-orange-roten Farbtönen, davor steht eine kleine Dampflokomotive, die eine Kohlelieferung bringt. Zwei ins Gespräch vertiefte Arbeiter in blauer Kleidung bilden einen deutlichen Farbkontrast zu den warmen Tönen. 


Von der Technikeuphorie zum menschenverschlingenden Moloch. Die Stadt-Welt im Wandel der Malerei zum Beginn des 20. Jahrhunderts


Allerdings änderte sich nach der anfänglichen Euphorie die Tonlage der Malerei. Wurde anfangs die moderne Technik als Schritt zum Wohle der Menschen empfunden, entwickelte sich Jahrzehnte später Industrie und Technik in der Stadt zunehmend gegen die Lebensbedingungen der Bewohner.

Die regellose Bebauung, die sich schnell ausdehnenden Wohngebiete und Mietskasernen , die die Industrieanlagen räumlich einschlossen, führten zu baulichen Verdichtungen und zu massiven Umweltschäden. Nach und nach reagierte die Malerei auf diese negativen Entwicklungen.

Stadtlandschaften werden zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer häufiger als irreparabel zerstört dargestellt und die Metropole Berlin als menschenverschlingender Moloch. Die Stadt wurde bei den Expressionisten zur Metapher für existentielle Konflikte. Ludwig Meidner wandelte seine anfänglich technikaffine Darstellung in endzeitliche Szenarien um.

Aus unwirtlichen Vorstadtansichten wurden mehr und mehr kritische Kommentare zum ungehemmten Expansionstriebs Berlins. Am eindrucksvollsten gibt wohl das 1916-17 entstandene Bild von George Grosz Metropolis, die damalige Stimmungslage vieler Künstler wieder. Es zeigt eine apokalyptische Stadtlandschaft in brandrot glühenden Farben gemalt. Endzeitliche Szenarien, die mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, den Wirren der Weimarer Republik und schließlich der Machtergreifung durch die Nazis traurige Wirklichkeit wurden.  

Es war einmal ein Gasometer! Vom Gas-Tank zum Think-Tank


Der Gasometer in Berlin - Schöneberg ist ein bedeutendes Zeugnis der 180-jährigen Gasversorgungsgeschichte Berlins. Er steht seit seiner Stilllegung 1994 unter Denkmalschutz. Der trotz neuer Bebauung immer noch weithin sichtbare Gasspeicher ist heute Wahrzeichen des Ortsteils Schöneberg und Symbol für die “Rote Insel ”, dem ehemaligen Arbeiterwohnquartier zu seinen Füßen. Hierzu gibt es ein sehr schönes Gemälde von Hans Baluschek Tiefer Schnee. Das Bild zeigt den südwestlichen Teil der Insel mit Blick auf den Gasometer.

Häusermeer der Roten Insel
Foto: Axel Mauruszat (1)


Mit dem Ausbau des stillgelegten Gasometers durch das Europäische Energieforum (EUREF) zu einem Reallabor der Energiewende wird der Gas-Tank zum Think-Tank und damit zum baulichen Symbol für die Abkehr von fossilen Energieträgern hin zu erneuerbaren Energien. Da die restaurierte Stahlstruktur im ursprünglichen Erscheinungsbild von 1910 erhalten wird, bleibt der berühmte Gasometer zugleich ein Berliner Wahrzeichen für Vergangenheit und Zukunft.

Das Tempo der Energiewende hat durch die vom Ukraine-Krieg verursachte Versorgungskrise einen herben Rückschlag erlitten. Dennoch wird es wohl nicht dazu kommen, dass sinnbildlich und allgemein gesprochen der Think-Tank zum Gas-Tank rückabgewickelt wird.


(1) Foto: Axel Mauruszat / Veröffentlichung gem. Lizenzangaben auf Wikimedia Commons: Der Urheberrechtsinhaber dieser Datei erlaubt jedem, sie für jeden Zweck zu verwenden, vorausgesetzt, dass der Urheberrechtsinhaber ordnungsgemäß genannt wird.  

Weiterführende Links:

EUREF-Campus | Die offizielle Website auch in englischer Sprache. Die Website gibt einen umfassenden Überblick zum Zukunftsprojekt mit vielen Ansichten vom Gasometer und dessen Umbau.

Die Schönheit der großen Stadt | Der Titel einer Ausstellung der Stiftung Stadtmuseum Berlin, Die Schönheit der großen Stadt, 2018 im Museum Ephraim-Palais  

Meidner, Baluschek und Feininger | Mehr zu diesen Künstlern:

Ludwig Meidner

Hans Baluschek

Lyonel Feininger