Privater Kunstblog zum Thema:

Künstlerisches Handeln in Zeiten globaler Umbrüche


Die Welt von heute scheint aus den Fugen geraten. Sie ist durch große Unsicherheit, Unübersichtlichkeit und Fragilität, Krieg und Flucht, Terror und Gewalt geprägt. Damit ist die Entwicklung unserer zukünftigen Lebenswelten wieder zu einem bedeutsamen Schwerpunkt in der Kunst geworden. Auch die Erkenntnisse und Prognosen der Techniksoziologie und der Zukunftsphilosophie werden zunehmend als Gegenstand der Kunst entdeckt. Die bildende Kunst, das Theater, die Literatur und der Film reagieren darauf auf unterschiedliche Art und Weise. Mich beschäftigt die Frage, wie kann sich der Künstler, der ja Teil dieser Entwicklungen ist, den sich daraus ergebenden existentiellen Herausforderungen sinnvoll nähern? In diesem Zusammenhang möchte ich meine Bilder aus der Zeit um 5 nach 12 in lockerer Folge vorstellen. Texte zu den globalen Auswirkungen des westlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems ergänzen diese bildlichen Darstellungen. Über Reaktionen von Künstlern, die einen ähnlichen Ansatz verfolgen, würde ich mich freuen.


Montag, 15. Dezember 2014

60 Jahre Godzilla | Zwischen Bikini-Atoll und Fukushima

In diesem Jahr wurde Godzilla sechzig Jahre alt. Der erste Godzilla-Film kam 1954 in die japanischen Kinos. Es folgten 28 weitere Filme mit der Atom-Echse. Zum runden Geburtstag gratuliert Hollywood 2014 dem König aller Monster mit einem Remake. Diese 29. Variante von "Godzilla" ist eine Hommage an das Original und bezieht sich direkt auf das Trauma von Fukushima. Hier schließt sich ein Kreis. Der Ur-Godzilla lässt sich als direkte Reaktion auf das Atomunglück über dem Bikini-Atoll deuten. Als die USA dort am 1. März 1954 die bisher grösste Wasserstoffbombe zündeten, wurden japanische Fischer vom Fallout verstrahlt. Für das japanische Publikum war der Godzilla von 1954 deshalb auch Sinnbild eines kollektiven Traumas ausgelöst durch die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki. Godzilla. Ein Monstrum, das aus dem Meer kommt. Atombombentests haben das prähistorische Ungetüm wieder zum Leben erweckt. Mit Godzilla beginnt der Aufstieg eines Wesens, das für die technikkritische Science-Fiction stilbildend geworden ist und sich zu einer Ikone der Filmgeschichte entwickelt hat.



Der glückliche Drache und Castle Bravo 

«Daigo Fukuryu-Maru», übersetzt „Der glückliche Drache“ heißt das japanische Fischerboot, das am 1. März 1954 dem radioaktiven Niederschlag der Castle-Bravo-Wasserstoffbombe ausgesetzt war. Durch die unerwartete Stärke der Bombe und die ungünstigen Witterungsbedingungen wurden Boot und Mannschaft schwer verstrahlt. Der Funker Aikichi Kuboyama verstarb am 23. September 1954 daran. Die anderen Besatzungsmitglieder überlebten zunächst. Sechs von ihnen erkrankten später an Leberkrebs. Die von den Technikern und Ingenieuren falsch berechnete Sprengkraft der Castle-Bravo-Wasserstoffbombe zeigte erstmals, dass Atombomben auch über grosse Entfernungen hinweg todbringend sein können. Als die Bombe gezündet wurde, befand sich die «Daigo Fukuryu-Maru» außerhalb des Sperrgebiets 130 Kilometer östlich der Bikini-Inseln, aber das war nicht weit genug weg. Später fiel ein Ascheregen auf das Boot, der drei Stunden lang anhielt. Der Vorfall sorgte für enorme Empörung in der japanischen Bevölkerung.
Aikichi Kuboyama stammte aus der japanischen Stadt Yaizu. Alljährlich versammeln sich Menschen in Yaizu am Grab von Aikichi Kuboyama, um die Erinnerung an den tragischen Vorfall wachzuhalten. In diesem Jahr beging Yaizu jedoch einen besonderen Gedenktag. Am 1. März jährt sich zum sechzigsten Mal der Tag, an dem die «Daigo Fukuryu-Maru» dem radioaktiven Fallout mit tödlichen Folgen ausgesetzt war. Sechzig wird in diesem Jahr auch «Godzilla». 

Godzilla erwacht

Sechzig Jahre Godzilla | 1954 und 2014


Acht Monate nach dem Unglück der «Fukuryu-Maru»-Besatzung kam der Film von Ishiro Honda in die Kinos. Gojira, so der Originaltitel des ersten Godzilla-Films von 1954, ist in der japanischen Version ein für die damalige Zeit nicht nur tricktechnisch beeindruckendes, sondern auch hinsichtlich der Handlung und Dramatik durchdachtes filmisches Werk. Auch in der heutigen Zeit kann man es sich noch ansehen, ohne dass die technischen Mängel beim Zuschauer das Gefühl der unkalkulierbaren Bedrohung schmälern. Beim Publikum wurde «Godzilla» rasch zu einem unerwarteten Erfolg. In kurzer Zeit wurden über neun Millionen Eintrittskarten verkauft. 

  
Unter Cineasten und Filmkritikern jedoch war Godzilla wegen seiner primitiven Machart zunächst als billiger Science-Fiction-Klamauk verschrien. Im Laufe der Jahre änderte sich diese Sichtweise und Godzilla schaffte es sogar ins Feuilleton namhafter Zeitungen und Zeitschriften. Spätestens mit der Einreihung Gojiras in das Science Fiction-Grundmodell aus Susan Sontags Essay `The Imagination of Disaster` wurde «Godzilla» zu einem Meilenstein technikkritischer Science Fiction. Godzilla ist ein echsenähnliches Ungeheuer, das durch Atombombentests wiedererweckt aus dem Meer kommt. Der fünfzig Meter grosse Godzilla hat ganze Eisenbahnzüge im Maul und zermalmt Gebäude und Hochspannungsmasten. Der Tricktechnik ist die einfache Machart anzusehen. Die Zerstörungskulisse ist primitives, wackeliges Spielzeug. Aber darauf kommt es nicht an. Wie der Film dramaturgisch Neugier, Bestürzung, Ratlosigkeit und schliesslich nackte Angst vor der unbekannten Bedrohung aus dem Nichts entwickelt, ist eindrucksvoll. Teruyoshi Nakano, der Assistent und Nachfolger des Godzilla-Schöpfers Tsuburaya, war für viele dieser Spezialeffekte verantwortlich. In einem Interview sagte er 2012: "Japan ist das einzige Land, in dem Atombomben abgeworfen wurden. Godzilla war ein Kino-Manifest gegen den Einsatz von Nuklearwaffen, das Japan damals an die gesamte Welt richtete. Das Monster ist ein Kind der Atombombe" (Quelle: Jörg Buttgereit, Monster aus dem Meer).

 
"Godzilla" im Jahr 2014 spielt explizit auf die Katastrophe im Atomkraftwerk von Fukushima vor drei Jahren an. Die Bilder wirken in verstörender Weise vertraut, weil sie mit den realen Erdbeben und Tsunamis der letzten Jahre aktuelle Katastrophenbilder aufnehmen. So stapft zum Beispiel Godzilla bei Honolulu aus dem Meer und löst einen Tsunami aus. Die Unfallserie in Fukushima begann am 11.März 2011 mit einem Erdbeben und lief gleichzeitig in mehreren Reaktorblöcken ab. Es kam zu Kernschmelzen. Große Mengen an radioaktivem Material, etwas mehr als das Doppelte von Tschernobyl, wurden freigesetzt und kontaminierten Luft, Böden, Wasser und Nahrungsmittel in der land- und meerseitigen Umgebung. Ungefähr 100.000 bis 150.000 Einwohner mussten das Gebiet vorübergehend oder dauerhaft verlassen.

 


Das Remake ist ein ernsthaft gedrehter Film und wie schon 1954 wird das Kino wieder zum Katalysator realer Ängste. In dieser Version ist Godzilla nicht das eigentlich Böse. Die Bösen sind sogenannte Mutos (Massive Unidentified Terrestrial Organisms), Parasiten, die sich von radioaktivem Abfall ernähren und bald Las Vegas und San Francisco existentiell bedrohen. Godzilla ist der Gute, der Freund an der Seite des Menschen, der vor den Mutos warnen und sie bekämpfen will.




Godzilla  zwischen  USA  und Japan


Der erste Ur-Godzilla spielt ausschließlich in Japan und bezieht sich direkt auf einen durch die USA verursachten Atomunfall am Bikiniatoll. Am Ende steht die Zerstörung Tokios. In Gareth Edwards aktueller Verfilmung beginnt die Geschichte ebenfalls in Japan verursacht durch einen Störfall in einem Atomkraftwerk, der deutlich an die Katastrophe von Fukushima erinnert. Hier steht am Ende die Zerstörung von San Francisco aber nicht durch Godzilla, sondern durch eine hochhaushohe, insektenartige Kreatur, die sich von atomaren Strahlungen vorzugsweise in der Wüste von Nevada, wo die USA ihren Schrott aus sieben Jahrzehnten nuklearer Forschung und Kriegsführung lagern, ernährt. 




Die Geschichte führt dann von Japan über die Wüste von Nevada bis nach San Francisco. Godzilla verfolgt die bösen Mutos. Das ist die geniale Wendung in der Dramaturgie des Films: Godzilla, einst das Schreckbild einer auf entfesselter Atomenergie bauenden Gesellschaft, wird hier zum Retter einer Welt, die inzwischen in ihrem nuklearen Müll versinkt. Godzilla ist ein Guter. Der Kampf der Kreaturen vor dem Hintergrund der Gefahren der Nukleartechnologie entwickelt sich diesmal zur transpazifischen Angelegenheit. 




Die Warnung bleibt

Die «Daigo Fukuryu-Maru» befindet sich heute in einem für sie errichteten Museum im Hafen von Tokio. Ebenfalls in Tokio erinnert eine kleine, bronzene Godzilla-Statue an die nukleare Gefahr. Die in den Sockel eingravierte Warnung, die Dr. Yamane im Ur-Godzilla aussprach, halten zum Glück sehr viele Menschen in aller Welt nach wie vor für aktuell.
"Wenn wir in maßloser Vermessenheit fortfahren, die Atomkraft zu missbrauchen", hieß es damals, "kann es sein, dass größeres Unheil über uns hereinbricht als dieser Godzilla."




Fotos/Montagen: Fred Tille

Weiterführende Links:

Godzilla | All movies (1954-2014) Full scenes and transformations

Fukushima aktuell: News zur aktuellen Lage im AKW Fukushima