Privater Kunstblog zum Thema:

Künstlerisches Handeln in Zeiten globaler Umbrüche


Die Welt von heute scheint aus den Fugen geraten. Sie ist durch große Unsicherheit, Unübersichtlichkeit und Fragilität, Krieg und Flucht, Terror und Gewalt geprägt. Damit ist die Entwicklung unserer zukünftigen Lebenswelten wieder zu einem bedeutsamen Schwerpunkt in der Kunst geworden. Auch die Erkenntnisse und Prognosen der Techniksoziologie und der Zukunftsphilosophie werden zunehmend als Gegenstand der Kunst entdeckt. Die bildende Kunst, das Theater, die Literatur und der Film reagieren darauf auf unterschiedliche Art und Weise. Mich beschäftigt die Frage, wie kann sich der Künstler, der ja Teil dieser Entwicklungen ist, den sich daraus ergebenden existentiellen Herausforderungen sinnvoll nähern? In diesem Zusammenhang möchte ich meine Bilder aus der Zeit um 5 nach 12 in lockerer Folge vorstellen. Texte zu den globalen Auswirkungen des westlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems ergänzen diese bildlichen Darstellungen. Über Reaktionen von Künstlern, die einen ähnlichen Ansatz verfolgen, würde ich mich freuen.


Mittwoch, 30. April 2014

"Only Lovers Left Alive"

Metropolisblues in Detroit – Der neue Film von Jim Jarmusch
 
Unter dem Deckmantel des Vampirismus ist Jarmusch ein geistvoll inszenierter, philosophisch fundierter gesellschaftskritischer Film gelungen. Durch ihre Reflexionen und Aktionen hinterfragen die Vampire kritisch aktuelle Entwicklungen in Kunst, Politik und Technik.

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In seinem neuen Film geht es vordergründig um die Liebe zwischen zwei unsterblichen Vampiren, Adam und Eve. Adam ist ein hochgebildeter und kulturvoller Vampirmusiker, der in nächtlicher Isolation in einem abgelegenen Haus in Detroit lebt. Er und seine Vampirgefährten haben durch ihr unendliches Dasein über die Jahrhunderte versucht den Menschen die Genialität der großen Kunst und der Wissenschaften näher zu bringen. So hatte Adam früher inkognito Musik für Komponisten wie Franz Schubert komponiert. Ein befreundeter Vampir, der sinnigerweise Marlowe genannt wird, ist der eigentliche Autor von Shakespears Hamlet. Doch die Menschen haben mit diesen Geschenken perspektivisch nichts anfangen können. Für Adam haben sie alles Gute zugrunde gerichtet. Er bezeichnet sie deshalb voller Verachtung als „die Zombies“, die sogar ihr eigenes Blut infizieren. Für ihn ist die Entwicklung der Menschheit eine tiefe Enttäuschung, die ihn melancholisch stimmt. Deshalb will er mit der Welt von heute nichts zu tun haben. Er verweigert sich dem digitalen Zeitalter. Adam sitzt im ausschließlich analog ausgestatteten Heimstudio seines Hauses in Detroit und spielt langsamen, schwermütig angelegten Rock. 

Twilight

Obwohl seine Musik, die in Clubs gespielt wird, überaus erfolgreich ist, bleibt er selbst immer im Verborgenen. Menschen mögen keine Vampire, obwohl sich diese im Film insgeheim als kulturelle Wohltäter und Menschenfreunde herausstellen. Um die Menschen zu verschonen, stillen sie ihren Blutdurst beispielsweise mit Blutkonserven, die ihnen der Laborangestellte einer Klinik gegen reichlich Geld zur Verfügung stellt. Doch in seiner genreübergreifenden Vieldeutigkeit ist „Only Lovers Left Alive“ bei Jarmusch natürlich weit mehr als ein weiterer Vampirfilm im Dunstkreis der Twilight-Saga“ Bis(s) in alle Ewigkeit.“ Es ist ein vielschichtiger Film über Existenz und Zeit, über Künstlerdasein und Weltschmerz. Obwohl sie von den Menschen enttäuscht sind, sind sie doch durch ihr Vampirdasein, Stichwort „Blutkonserve“, untrennbar mit ihnen verbunden. Unter diesem Widerspruch der organischen Abhängigkeit und der Abscheu über „die Zombies“ leidet Adam so sehr, dass er an Suizid denkt.

Verlassenes Wohnhaus

Man kann diesen atmosphärisch dichten Film aus den verschiedensten Perspektiven betrachten. Ich möchte den Hauptaspekt auf die kunstvolle filmische Darstellung des nächtlichen Detroit legen. Es spielt für Jarmusch eine besondere Rolle. Auf eine Interviewfrage, ob es Zufall, ist, dass "Only Lovers Left Alive" überwiegend in Detroit spielt, antwortet Jarmusch: „Detroit symbolisiert das zerfallende amerikanische Imperium, und es ist auch ein Symbol für die Herzlosigkeit, mit der sich Amerika von allem trennt, was nicht mehr funktioniert: Die Autoindustrie läuft nicht mehr? Vergesst Detroit! Ich bin in Akron, Ohio, aufgewachsen, Detroit war die nächste Metropole. Wir träumten nicht von New York, sondern von Detroit, für uns war es eine magische Stadt. Und die Musikszene war so vielfältig! Unglaublich. Das ist sie sogar heute noch, man kriegt sie einfach nicht tot. (…) Aber wenn man wissen will, wie es um die USA bestellt ist, muss man nach Detroit gehen. Vieles, was in unserem Land nicht stimmt, findet man hier im Extrem.“ (Zit. nach: Der Spiegel., Nr. 52/2013, S. 103).
In wunderschönen poetisch-morbiden Bildern, blickt er in langen Kamerafahrten fast liebevoll auf die sich auflösende Schönheit der ehemaligen Metropole. Ganze Wohnviertel sind verlassen. Gespenstisch leere Brachflächen, mit Brettern zugenagelte Villen und leere Hochhäuser bestimmen das Stadtbild. Als Eve, die seit langer Zeit in Tanger lebt, bei Adam in Detroit angekommen ist, um ihn aus seiner depressiven Phase herauszuholen, unternimmt das Paar nachts Autofahrten durch die menschenleere, triste Stadt. Zu sehen ist etwa das Michigan Theater, in den zwanziger Jahren als Kino mit über 4000 Sitzen gebaut. Heute wird es als Parkhaus genutzt, bloß das gewaltige Deckengewölbe erinnert an bessere Tage.

Michigan Theatre


Eine andere verfallende Attraktion ist die Fabrikhalle der seit 1958 geschlossenen Packard-Werke, wo einst luxuriöse und legendäre Straßenkreuzer gebaut wurden.

Fabrikhalle ehemalige Packard-Werke

Im ganzen Film gibt es keine einzige Tageslichtaufnahme. Das erzeugt gerade vor der bankrotten Stadtkulisse von Detroit ein sogartige, dichte Atmosphäre, die die Verlorenheit der einstigen Metropole spürbar werden lässt.
Mit seiner Nachdenklichkeit und seinen Zweifeln über die Fehlentwicklungen der Gesellschaft aus Sicht der ewig lebenden Vampire spielt „Only Lovers Left Alive“ den Metropolisblues. Beispielhaft für diese filmästhetisch vermittelte Stimmung sei eine Dialogszene genannt.: Adam, der an der Gegenwart nicht mehr interessiert ist,  fragt Eve sinngemäß: „Geht es noch immer ums Öl? Oder haben die Wasserkriege schon begonnen?“

Bildnachweis: Alle Fotos von Wikipedia, gem. GNU Free Documentation License

Weiterführende Links:


Mittwoch, 2. April 2014

Konflikt

Konflikt-oder wie entsteht ein Bild? Welche unterschiedlichen Faktoren wirken im Entstehungsprozess eines Bildes zusammen? Zunächst wollte ich ein abstraktes Bild malen. Ungeplant und ergebnisoffen. Als ich dann dem Bild zuschaute, wie es sich entwickelte, kam allmählich und anfänglich kaum wahrnehmbar in das Ungeplante eine bestimmte gestalterische Richtung hinein. Es entstanden durch Verstärken und Wegnehmen Farbstrukturen und Arbeitsspuren, die sich langsam zu einem Bild in Richtung späterem Titel formten. Konflikt. „Wenn ich ein weißes Blatt vor mir habe, geht mir vieles im Kopf herum. Was ich festhalten will, gegen meinen Willen, interessiert mich mehr als meine Ideen … Ideen sind nur Ausgangspunkte. Um zu wissen, was man zeichnen will, muss man zu zeichnen anfangen.“ Was Picasso über den Beginn einer Zeichnung sagte, lässt sich ohne weiteres auch auf den Beginn eines gemalten Bildes anwenden.
In zahlreichen Selbstzeugnissen über den Entstehungsprozess abstrakter Bilder machen v.a. die Maler der Moderne und aktuelle zeitgenössische Künstler immer wieder folgende Beobachtungen: Kreative Lenkung und malerischer Zufall, persönliche Empfindungen, individuelle Tagesform und gesellschaftlicher Zeitgeist bilden eine gestalterische Mischung, die bewusst und unbewusst in das Bild einfließen. Als ich an diesem Bild arbeitete, hatte ich mich zuvor intensiv mit dem Bürgerkrieg in Syrien befasst.


Quelle: Picasso, Über Kunst, Diogenes Verlag, Zürich 1988, S. 51


Konflikt | Acryl auf Leinwand | B 40cm x H 30cm | 2013