Privater Kunstblog zum Thema:

Künstlerisches Handeln in Zeiten globaler Umbrüche


Die Welt von heute scheint aus den Fugen geraten. Sie ist durch große Unsicherheit, Unübersichtlichkeit und Fragilität, Krieg und Flucht, Terror und Gewalt geprägt. Damit ist die Entwicklung unserer zukünftigen Lebenswelten wieder zu einem bedeutsamen Schwerpunkt in der Kunst geworden. Auch die Erkenntnisse und Prognosen der Techniksoziologie und der Zukunftsphilosophie werden zunehmend als Gegenstand der Kunst entdeckt. Die bildende Kunst, das Theater, die Literatur und der Film reagieren darauf auf unterschiedliche Art und Weise. Mich beschäftigt die Frage, wie kann sich der Künstler, der ja Teil dieser Entwicklungen ist, den sich daraus ergebenden existentiellen Herausforderungen sinnvoll nähern? In diesem Zusammenhang möchte ich meine Bilder aus der Zeit um 5 nach 12 in lockerer Folge vorstellen. Texte zu den globalen Auswirkungen des westlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems ergänzen diese bildlichen Darstellungen. Über Reaktionen von Künstlern, die einen ähnlichen Ansatz verfolgen, würde ich mich freuen.


SpotLights Berlin

Mittwoch, 30. Juli 2014

Alles in Ordnung, Kinder?


Review auf eine themenbezogene Ausstellung. Teil 1

5 Künstler, 1 Thema und 100 Worte.


Alles in Ordnung, Kinder?
Warum kommt der Einzelne in unserer Gesellschaft oft nicht zurecht? Millionen von Kindern leben heute unter katastrophalen Bedingungen, als Arbeiter, Soldaten, Prostituierte. Geschichte der deutschen Kindheit: Generationen der Angst, des Verdrängens und Vergessens. Aus der Pubertät in die Jugendarbeitslosigkeit . Universale Blicke auf Lebensbilder. Wo findet sich der Mensch wieder, in einer innerlich wie äusserlich immer unübersichtlicher werdenden Welt?

(Quelle: Ausstellungsbroschüre von Kulturpunkt STILUS e.V.)

Fünf Künstler nähern sich diesem so umrissenen Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Ihre jeweiligen künstlerischen Ansätze haben sie versucht konzentriert in ca. 100 Worten zusammenzufassen.

 
Gabriele Tille-Tagge 
Geboren in Berlin-Wedding.
Lebt und arbeitet in Berlin und Angermünde.
Beschäftigt sich v.a. mit street photographics
und sozialkritischer Fotografie.
Hat als ihr Hauptthema den benachteiligten
Menschen in einer Zeit der postmodernen Unverbindlichkeiten
und Beliebigkeiten.
Ausstellungen in Berlin und Brandenburg.


Gabriele Tille-Tagge | Jaime | Fotografie | B 40cm x H 30cm | 2013


Jugend ohne Perspektive - junge Menschen in Spanien


Eviva Espagña singen jedes Jahr tausende
Urlauber in ihrem Lieblingsreiseland.
Kaum einer denkt daran, dass die Sonne, die für
sie Tag und Nacht zu strahlen scheint, für viele
Spanier, v.a. die jungen, vielerorts nur selten
zu sehen ist. Denn inzwischen sind 27,2% der
Spanier arbeitslos, bei den Jugendlichen unter
30 sind es 55,9%. Das ist nach Griechenland die
höchste Quote innerhalb Europas.
Viele junge Menschen haben bereits resigniert,
andere wandern aus und finden auch in ihrem
neuen Zuhause keinen ihrer Ausbildung adäqua-
ten Job. Prognosen sagen voraus, dass sich die
Lage zumindest mittelfristig nicht zum Besseren
ändern wird. Das trifft damit vor allem auch die,
die heute Kinder sind.
Für sie ist nichts in Ordnung.
Eine verlorene Generation?



Dietmar Steinkamp 
1961 in Osnabrück geboren.
Lebt und arbeitet in Schönwalde-Glien.
Absolvent der HdK Berlin, Senior Art Director.
Ölmalerei, Grafik, Electronic & Fractal Arts.
Seit 1980 Ausstellungen in ganz Deutschland.

Dietmar Steinkamp | Drei Generationen "German Angst" | Digitaldruck und Öl auf Lwd. | 
B 80cm x H 120cm | 2013


German Angst: 1931 – 1961 – 1991


Drei Generationen „German Angst“. Wenn in einer
Kindheit etwas nicht in Ordnung ist, so geht das
fast immer mit Ängsten einher. Die Medizin geht
neuerdings davon aus, dass Angst vererbbar ist.
Kann es sein, dass eine Schuld über Angstgene
bis in das dritte und vierte Glied hinein einen Fluch
bewirkt? Wie schon die Bibel androht? Dann wird
bei Deutschlands Kindern nur ganz langsam alles in
Ordnung kommen.
Drei Werke für drei Generationen deutscher Kinder.
Die Generation von 1931 erlebte den Vater als
NSDAP-Karrieristen, der seine jüdische Vermieterin
zur rechtzeitigen Ausreise bewegt und Migräne
vor „politischen Aktionen“ bekommt.
Frieden findet sie im Vergessen des Alzheimers.
1961er wachsen in den Bedrohungen
des Wirtschaftswunders auf. Benzol und Blei im Benzin,
Schwefeldioxid frisst den Wald, Kleber, Plaste,Farben
und Fallout, alles dünstet in die Kinderpsychen hinein.
Allgegenwärtige atomare Vernichtung.
Zukunftsangst schürt den Ehrgeiz der 1991er.
Eine rasant anwachsende Weltbevölkerung konkurriert mit
einem schrumpfenden Häuflein von deutschen Kindern,
denen sukzessive die Ressourcen ausgehen. Wo die
Möglichkeiten im Realen immer begrenzter scheinen, lockt
Virtualität und Glamour.

Die Ausstellung fand vom 22.09.2013 bis 20.10.2013 in der Schinkelkirche von Petzow/Werder statt.

Blick in die Ausstellung mit Triptychon von Dietmar Steinkamp |  Foto: Fred Tille

Blick in die Ausstellung mit Fotowand von Gabriele Tille-Tagge | Foto: Fred Tille



Copyright für Texte, Werkabbildungen, Fotos bei den Künstlern 

Weiterführende Links:

Ihr raubt uns die Zukunft!
Spiel mit dem Feuer
German Angst 


Sonntag, 29. Juni 2014

30 Jahre 1984 | George Orwell lässt grüßen



Vernetzt | Foto: Dejo Denzer | Montage: Fred Tille



 

Der „Große Bruder“



Ridley Scott, der "Alien"-Regisseur, drehte für Apple/Macintosh einen legendären Werbespot mit dem Titel 1984. Der Film zeigt eine in diffuses graues Licht getauchte düstere Welt, in der ausdruckslose Arbeiter durch einen langen Gang im Gleichschritt eine große Halle mit einem riesigen Bildschirm betreten. Dort spricht der „Große Bruder“ zu ihnen und preist die Kraft der Vereinigung der Gedanken an. Ebenfalls zu sehen ist eine junge sportlich gekleidete Frau, die auf den Bildschirm zurennt. In der Hand trägt sie einen großen Vorschlaghammer; sie wird von martialisch ausgerüsteten Polizisten verfolgt. Die Frau holt zum Befreiungsschlag aus und schleudert ihren Hammer gegen den Schirm, der zerbricht und der „Große Bruder“ verschwindet abrupt. Die Zuschauer in der Halle werden durch die Implosion mit grellem Licht angestrahlt. Anfang 1984 wurde dieser Spot anlässlich der Markteinführung des ersten Personal Computers von Macintosh öffentlich gezeigt.

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Auch wenn die massenhafte Verbreitung des Personal Computers erst elf Jahre später mit der Einführung von Microsofts Windows ’95 einsetzte, trug der Macintosh wesentlich dazu bei, dass wir heute alle Computer nutzen und mit unseren Spuren im Datennetz den Nährboden für Orwell’sche Zustände legen. Google zum Beispiel weiss über jeden digital aktiven Nutzer mehr, als sich George Orwell in seinen kühnsten Visionen je vorzustellen wagte. Google will in all unserer Lebensbereiche eindringen, Daten sammeln. Google plant die total vernetzte Welt, sammelt Informationen über unser Leben und schafft immer perfektere und vollständigere digitale Avatare. Diese Auswirkungen der digitalen Revolution konnte George Orwell jedoch nicht voraussehen.


1984 – Der Roman, der nie vergeht



Mit 1984 schuf George Orwell einen dystopischen Roman in dem ein totalitärer Präventions- und Überwachungsstaat dargestellt wird. Protagonist der Handlung ist Winston Smith, ein einfaches Mitglied der diktatorisch herrschenden Staatspartei, der sich der allgegenwärtigen Überwachung zum Trotz seine Privatsphäre sichern will und dadurch in Konflikt mit dem System gerät, das ihn einer Gehirnwäsche unterzieht. Orwell stellte das Buch Ende 1948 fertig. Der Titel enthält den Zahlendreher des Jahres 1948 zu 1984 als Anspielung auf eine zwar damals noch fern erscheinende, aber doch eng mit der damaligen Gegenwart verknüpfte Zukunft. Seit dem Jahr 1984 sind dreißig Jahre vergangen und der Roman ist zur Metapher geworden, wenn es darum geht, staatliche Überwachungsmaßnahmen kritisch zu hinterfragen oder auf Tendenzen zu einem Überwachungsstaat hinzuweisen. Wenn die Begriffe "Big Brother is watching you", "1984", oder der Name „Orwell“ fallen, weiss jeder, was gemeint ist. Und tatsächlich: Seit der NSA Affäre und seit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs zum „Recht auf Vergessen“ hat das Sinnbild vom „Großen Bruder“, das George Orwell in seinem Roman „1984“ entwarf, Hochkonjunktur. 

 
Abgerollt | Foto: Fred Tille

Anfang der 90iger Jahre sahen viele Medientheoretiker die fortschreitende digitale Vernetzung durch das Internet voller Optimismus als eine völlig neue globale, freiheitliche und demokratische Perspektive für die Weltgesellschaft. In der Gegenwart hat dieser Optimismus einen starken Dämpfer erlitten. Heute „registrieren wir eine monopolartige und weltöffentliche Bewirtschaftung privater Daten durch einen neuen informationstechnologischen Komplex, bestehend aus sämtlichen Geheimdiensten der Welt im Zusammenspiel mit einigen wenigen marktbeherrschenden Wirtschaftsunternehmen.“ (Quelle: Berliner Morgenpost vom 14. Mai 2014)

Geheimnisse werden Lügen, Privatsphäre wird Erlebnisdiebstahl



Mit "The Circle" hat der Schriftsteller Dave Eggers 2013 das "1984" fürs Internetzeitalter geschrieben. Ein freundlicher Internetkonzern namens „The Circle“ begeistert seine Nutzer - und erklärt eines Tages Privatsphäre zum Diebstahl und Geheimnisse zu Lügen. Medizinische Sonden stecken in allen Körpern, Bildschirme an Handgelenken, Milliarden von Kameras wurden in der Welt verteilt, an jede Person und auf jede gerichtet. Dave Eggers Roman ist eine düstere Warnung vor der Allmacht der Suchmaschinen und Anbieter sozialer Netzwerke.

Nachschub | Foto: Fred Tille
 
Dreißig Jahre nach 1984 ist Big Brother überall. Big Brother ist in gewisser Weise jeder von uns. Der Möglichkeit nach präsentiert sich jeder selbst und in dem Maße, wie er das möchte. Die Bandbreite reicht von der 24-stündigen Webcam-Übertragung sozialer Interaktionen, der freiwilligen totalen Preisgabe des Privaten bis zu Menschen, deren ganzer Stolz darin besteht, keinen einzigen Eintrag im Internet hinterlassen zu haben. Normal ist dabei zur Zeit immer noch ein relativ hohes Maß an freiwilliger öffentlicher Selbstdarstellung. Bei Facebook und Co. posten unbedarfte oder ignorante User oft unreflektiert ihre aktuellen Befindlichkeiten, Aufenthaltsorte, persönlichen Vorlieben und zukünftige Aktivitäten in aller Ausführlichkeit. Die Datenflut braucht von den Internetgiganten nur noch abgesaugt zu werden. Noch fragen zu wenige, wie groß der Verlust an digitaler Selbstbestimmung und der persönliche Schaden sein könnten, den ein unbescholtener Internetnutzer durch diese Sammelwut erleiden könnte.


Im Dickicht gefangen?



Angesichts dieser aktuellen Entwicklungen blickten weltweit viele Menschen auf den diesjährigen Internet- und Medienkongress re:publica in Berlin. Welche Fragen würden dort gestellt und welche Antworten würden gegeben werden? Die Veranstalter wählten deshalb das Motto INTO THE WILD und führten dazu auf ihrer Homepage aus, dass dieser Ansatz den Horizont für verschiedene Blickwinkel öffnen soll, um das Internet und die Gesellschaft der nahen Zukunft zu verstehen und zu verbessern: „Wenn Algorithmen uns zu gläsernen, kontrollierbaren weil berechenbaren Menschen machen, müssen wir vielleicht unberechenbarer werden? Die Auflösung von Strukturen, das Verlassen der populären Trampelpfade hinein ins Chaos, in die Irrationalität, in die Wildnis eben, könnten Strategien sein. Aber wie finden wir uns dann noch zurecht, wie finden wir zueinander? Wie flüstert man im Netz und vor allem: mit wem? Wird nicht, wer ein freies, unkontrolliertes Netz fordert, umso mehr kontrollieren müssen, wer dabei sein darf und wer draußen bleiben muss?“

Foto: Website re-publica | Banner zur freien Verwendung in Blogs

Das Festival der freien Netzkultur wirbt mit einem Design, das einen wuchernden Wald in verschiedenen Variationen zeigt. Für die Veranstaltungsräume haben die Kongress-Designer eine Stimmung entworfen, in der sich rätselhafte Organismen durch den Wald bewegen. Die digitale Welt ist demnach unübersichtlich geworden. Sie bietet Information, Abenteuer und Erholung, aber auch Gefahren. Die Dramaturgie der re:publica ist wie eine Lichtung angelegt, auf der sich Wanderer versammeln, um sich zu orientieren. Ein heller Ort in einer bedrohlichen Welt.

Die Gedanken sind frei



Die ungehemmte Expansion der Internetriesen stößt bisher auf wenig Widerstand. Das liegt auch an den angebotenen kostenlosen Dienstleistungen. Auf schnelle Suchanfragen, Videos, E-Mails und soziale Netzwerke kann und will niemand mehr verzichten. Erst allmählich dämmert es immer mehr Nutzern, was die systematische Erfassung und Verknüpfung der persönlichen Daten und der Bewegungsprofile im Internet für weit reichende Konsequenzen haben kann. Der Ruf nach einer „Bill of Digital Rights“ wird besonders in Europa immer lauter. Entschlossene und transparente Netzpolitik, die Rahmenbedingungen schafft und digitale Selbstbestimmung durch mündige und auch technisch versierte Internet-User wird bei vielen Menschen weltweit zum Leitbild. Die Chancen und Vorteile der digitalen Welt sinnvoll nutzen und die Gefahren der Untiefen des Internets erkennen können. Nur so lässt sich das Fortschrittsdilemma zwischen Ausbau der digitalen Wirtschaft und Wahrung der bürgerlichen Freiheitsrechte lösen. 

Reserve | Foto: Fred Tille
 
Eine der zentralen Botschaften von George Orwell richtete sich gegen Staatsformen generell, die die innere und äußere Freiheit der Menschen einschränken. Seine Botschaft ist ein leidenschaftliches Bekenntnis zur individuellen Freiheit. 
„Es sind weniger die Institutionen als die Menschen, die Anlass zur Hoffnung sind. Sie zeigen und artikulieren auch politisch ihr Bedürfnis nach Privatsphäre. Solange dieses Bedürfnis in unserer Gesellschaft lebendig ist, besteht kein Grund zur Resignation. Die Botschaft von Orwell ist: Was Techniken noch nicht überwachen können, das sind die Gedanken der Menschen (…). Aus dem gleichen Grund wird es auch in Zukunft weiterhin eine Nachfrage nach Privatheit und nach persönlicher Freiheit geben. Und erst Privatheit und Freiheit machen unser Leben wirklich lebenswert und würdevoll (Quelle: Technik, Terror, Transparenz - Stimmen Orwells Visionen? Dr. Thilo Weichert, Landesbeauftragter für den Datenschutz Schleswig-Holstein, Leiter des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz (ULD) in Kiel, 2004).

Von Orwells „1984“ zu Apples „1984“



Zum Schluss spanne ich noch einmal den Bogen von Orwells „1984“ zu Apples „1984“. Am Ende des an den berühmten Roman von George Orwell angelehnten Spots von Regisseur Ridley Scott verkündet die Stimme eines Sprechers aus dem Off:

“On January 24th, Apple Computer will introduce Macintosh.
And you’ll see why 1984 won’t be like ‘1984’.”


„Am 24. Januar wird Apple Computer „Macintosh“ vorstellen.
Und du wirst sehen, warum 1984 nicht wie ‚1984‘ sein wird.“


Heute-dreißig Jahre später-sollten wir besser ein Fragezeichen hinter den letzten Satz setzen.

Weiterführende Links:

Der Werbefilm von Ridley Scott 
Über den Roman 1984
Über den Roman "The Circle" 
INTO THE WILD | re-publica 2014






Freitag, 30. Mai 2014

Vorher, Dabei, Nachher

Das TIME Magazin beschreibt Ende 2009 das vergangene Jahrzehnt des gerade angebrochenen 21. Jahrhunderts mit „The Decade From Hell.“ Als Beispiele werden der Anschlag auf das World Trade Center am 11.09.2001, die Kriege in Afghanistan und im Irak und die globalen Auswirkungen der Pleite der Lehmann-Brothers angeführt. Zwischenzeitlich haben wir die Atomkatastrophe von Fukushima, die Zunahme der Umweltzerstörung und die Auswirkungen des Klimawandels erlebt. Aktuell wütet immer noch der Bürgerkrieg in Syrien, und in der Ukraine werden wir Zeugen von bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen auf europäischem Boden. 
Das verselbständigte Wirtschaftswachstum gefährdet weltweit die natürlichen Lebensgrundlagen trotz sozialstaatlicher und ökologischer Korrekturen. Wissenschaft und Technik ordnen sich immer mehr dem Gesetz der Gewinnmaximierung unter. Die Globalisierung der Märkte und die fortgesetzte Ausbeutung der Dritten Welt erzeugen immer neue Krisen, deren Folgen nicht abzusehen sind. Die Planbarkeitsversprechen von Ökonomie, Wissenschaft und Politik enttarnen sich weitgehend als Leertastenprogramme. bei gleichzeitiger Beschleunigung, Vernetzung und Zunahme digitaler Überwachung fast aller Lebensbereiche.

Vorher, Dabei, Nachher | Triptychon, je Tafel H 120cm x B 90 cm, Mischtechnik a. Lwd. | 2010

Man braucht kein Anhänger derjenigen zu sein, die glauben morgen würde die Welt untergehen, um festzustellen: Es steht nicht gut um die Zukunft unseres Planeten. Diese bedrohlichen Szenarien erzeugen bei vielen Menschen Zukunftsängste, bei einigen mit überdurchschnittlichem Empfindungsvermögen sogar Endzeitstimmungen.
Von diesen Entwicklungen lassen sich natürlich auch Künstler beeinflussen; vor allem diejenigen, die in ihr Werk gesellschaftspolitische Positionen miteinbeziehen. Auch mich interessiert die Frage, wie kann sich der Künstler, der ja Teil dieser Entwicklungen ist, diesen existentiellen Herausforderungen sinnvoll nähern?

Vorher

Zeitgenössische Künstler wie z.B. Cindy Sherman, Bruce Naumann, Santiago Sierra, Michelangelo Pistoletto spiegeln in ihren Werken zerstückelte, zerbrochene, zerstörte Welten wieder. Explizite letzte Momente beinhalten auch die Zyklen von Helmut Schweizer. Schweizer kombiniert z.B. die zwei Männer, den Mondaufgang betrachtend, aus Caspar David Friedrichs berühmten Gemälde „Mondaufgang am Meer“ mit dem Foto einer atomaren Unterwasserexplosion auf dem Bikiniatoll. “Die beiden Männer scheinen in einer Höhle zu stehen und ins Nichts hinauszuschauen. Für Schweizer birgt das Bild etwas > sehr Endzeitliches. Wenn es irgendwelche letzten Momente gibt, dann werden sie wohl so aussehen <, meinte der Künstler. (Quelle: Gregory Fuller, Endzeitstimmung, Düstere Bilder in goldener Zeit, Dumont, Köln 1994, TB 304, S.160f.). Künstler wie Francis Bacon und Andy Warhol nutzten dabei immer wieder das darstellerische Prinzip des Triptychons oder der Serie, um Zeitabläufe und Zustände künstlerisch darzustellen.
Diese Motive und Stilformen greife ich in meiner künstlerischen Arbeit auf. Mein Triptychon Vorher, Dabei, Nachher basiert auf dem Prinzip der Dreierserie, der denkbar knappsten Darstellung eines Handlungsablaufs. Im Dreischritt in die Katastrophe. 
Das Triptychon zeigt zwei junge Männer, die in Freizeitkleidung sorglos, heiter und gelassen, an Gleichgültigkeit grenzend durch sich auflösende Landschaften spazieren. Sie verkörpern eine öffentliche Seelenruhe, die überall erkennbare Symptome nicht zur Kenntnis nimmt. Verdrängung heißt das Zauberwort. 

Dabei
 
Am Ende stehen sie überrascht nur als Umriss- oder Schattenmenschen gezeichnet und schauen erstaunt in den Abgrund eines bröckelnden Arkadiens. Es ist soweit. Rien ne va plus! Sie ähneln Menschen, die ahnungslos in einem Minenfeld umherirren und sich dabei nur um die zukünftige Inflationsrate sorgen. 

Nachher
 

Die tief greifenden gesellschaftlichen, ökologischen Umwälzungen sind künstlerisch nicht wirklich adäquat darstellbar. Die Welt kann durch die Kunst allein nicht zum Besseren verändert werden, aber die Kunst kann Zeichen setzen und Mahnungen aussprechen. 
Das Triptychon hatte ich 2010 zum ersten Mal im Rahmen einer Gruppenausstellung im Berliner „Haus am Lützowplatz“ ausgestellt. In seiner Einführungsrede formulierte Dr. Heinrich Wörmann, folgendermaßen: „FRED TILLE spielt in seinen Bildern den Metropolisblues mit Endzeitstimmung. Man sieht die brennenden Twin Towers und aktuell stehen einem das verqualmte Moskau oder die Sintflut in Pakistan vor Augen. Es steht nicht gut um uns. Rien ne va plus.“*

Haus am Lützowplatz, Blick in die Ausstellung. An der Wand im Hintergrund die ersten beiden Tafeln des Triptychons

 

* Gemeint sind die gewaltigen Waldbrände um Moskau und die verheerende Flutkatastrophe in Pakistan (Anm. d.Verf.).


Siehe hierzu auch: 

(Quelle des Zitats: Druckversion der Begrüßungs- und Eröffnungsrede zur Ausstellung „ÜberBrücken“, Dr. Heinrich Wörmann, Vorsitzender des Förderkreises Haus am Lützowplatz, Berlin, 12.08.2010). 



 




Mittwoch, 30. April 2014

"Only Lovers Left Alive"

Metropolisblues in Detroit – Der neue Film von Jim Jarmusch
 
Unter dem Deckmantel des Vampirismus ist Jarmusch ein geistvoll inszenierter, philosophisch fundierter gesellschaftskritischer Film gelungen. Durch ihre Reflexionen und Aktionen hinterfragen die Vampire kritisch aktuelle Entwicklungen in Kunst, Politik und Technik.

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In seinem neuen Film geht es vordergründig um die Liebe zwischen zwei unsterblichen Vampiren, Adam und Eve. Adam ist ein hochgebildeter und kulturvoller Vampirmusiker, der in nächtlicher Isolation in einem abgelegenen Haus in Detroit lebt. Er und seine Vampirgefährten haben durch ihr unendliches Dasein über die Jahrhunderte versucht den Menschen die Genialität der großen Kunst und der Wissenschaften näher zu bringen. So hatte Adam früher inkognito Musik für Komponisten wie Franz Schubert komponiert. Ein befreundeter Vampir, der sinnigerweise Marlowe genannt wird, ist der eigentliche Autor von Shakespears Hamlet. Doch die Menschen haben mit diesen Geschenken perspektivisch nichts anfangen können. Für Adam haben sie alles Gute zugrunde gerichtet. Er bezeichnet sie deshalb voller Verachtung als „die Zombies“, die sogar ihr eigenes Blut infizieren. Für ihn ist die Entwicklung der Menschheit eine tiefe Enttäuschung, die ihn melancholisch stimmt. Deshalb will er mit der Welt von heute nichts zu tun haben. Er verweigert sich dem digitalen Zeitalter. Adam sitzt im ausschließlich analog ausgestatteten Heimstudio seines Hauses in Detroit und spielt langsamen, schwermütig angelegten Rock. 

Twilight

Obwohl seine Musik, die in Clubs gespielt wird, überaus erfolgreich ist, bleibt er selbst immer im Verborgenen. Menschen mögen keine Vampire, obwohl sich diese im Film insgeheim als kulturelle Wohltäter und Menschenfreunde herausstellen. Um die Menschen zu verschonen, stillen sie ihren Blutdurst beispielsweise mit Blutkonserven, die ihnen der Laborangestellte einer Klinik gegen reichlich Geld zur Verfügung stellt. Doch in seiner genreübergreifenden Vieldeutigkeit ist „Only Lovers Left Alive“ bei Jarmusch natürlich weit mehr als ein weiterer Vampirfilm im Dunstkreis der Twilight-Saga“ Bis(s) in alle Ewigkeit.“ Es ist ein vielschichtiger Film über Existenz und Zeit, über Künstlerdasein und Weltschmerz. Obwohl sie von den Menschen enttäuscht sind, sind sie doch durch ihr Vampirdasein, Stichwort „Blutkonserve“, untrennbar mit ihnen verbunden. Unter diesem Widerspruch der organischen Abhängigkeit und der Abscheu über „die Zombies“ leidet Adam so sehr, dass er an Suizid denkt.

Verlassenes Wohnhaus

Man kann diesen atmosphärisch dichten Film aus den verschiedensten Perspektiven betrachten. Ich möchte den Hauptaspekt auf die kunstvolle filmische Darstellung des nächtlichen Detroit legen. Es spielt für Jarmusch eine besondere Rolle. Auf eine Interviewfrage, ob es Zufall, ist, dass "Only Lovers Left Alive" überwiegend in Detroit spielt, antwortet Jarmusch: „Detroit symbolisiert das zerfallende amerikanische Imperium, und es ist auch ein Symbol für die Herzlosigkeit, mit der sich Amerika von allem trennt, was nicht mehr funktioniert: Die Autoindustrie läuft nicht mehr? Vergesst Detroit! Ich bin in Akron, Ohio, aufgewachsen, Detroit war die nächste Metropole. Wir träumten nicht von New York, sondern von Detroit, für uns war es eine magische Stadt. Und die Musikszene war so vielfältig! Unglaublich. Das ist sie sogar heute noch, man kriegt sie einfach nicht tot. (…) Aber wenn man wissen will, wie es um die USA bestellt ist, muss man nach Detroit gehen. Vieles, was in unserem Land nicht stimmt, findet man hier im Extrem.“ (Zit. nach: Der Spiegel., Nr. 52/2013, S. 103).
In wunderschönen poetisch-morbiden Bildern, blickt er in langen Kamerafahrten fast liebevoll auf die sich auflösende Schönheit der ehemaligen Metropole. Ganze Wohnviertel sind verlassen. Gespenstisch leere Brachflächen, mit Brettern zugenagelte Villen und leere Hochhäuser bestimmen das Stadtbild. Als Eve, die seit langer Zeit in Tanger lebt, bei Adam in Detroit angekommen ist, um ihn aus seiner depressiven Phase herauszuholen, unternimmt das Paar nachts Autofahrten durch die menschenleere, triste Stadt. Zu sehen ist etwa das Michigan Theater, in den zwanziger Jahren als Kino mit über 4000 Sitzen gebaut. Heute wird es als Parkhaus genutzt, bloß das gewaltige Deckengewölbe erinnert an bessere Tage.

Michigan Theatre


Eine andere verfallende Attraktion ist die Fabrikhalle der seit 1958 geschlossenen Packard-Werke, wo einst luxuriöse und legendäre Straßenkreuzer gebaut wurden.

Fabrikhalle ehemalige Packard-Werke

Im ganzen Film gibt es keine einzige Tageslichtaufnahme. Das erzeugt gerade vor der bankrotten Stadtkulisse von Detroit ein sogartige, dichte Atmosphäre, die die Verlorenheit der einstigen Metropole spürbar werden lässt.
Mit seiner Nachdenklichkeit und seinen Zweifeln über die Fehlentwicklungen der Gesellschaft aus Sicht der ewig lebenden Vampire spielt „Only Lovers Left Alive“ den Metropolisblues. Beispielhaft für diese filmästhetisch vermittelte Stimmung sei eine Dialogszene genannt.: Adam, der an der Gegenwart nicht mehr interessiert ist,  fragt Eve sinngemäß: „Geht es noch immer ums Öl? Oder haben die Wasserkriege schon begonnen?“

Bildnachweis: Alle Fotos von Wikipedia, gem. GNU Free Documentation License

Weiterführende Links:


Mittwoch, 2. April 2014

Konflikt

Konflikt-oder wie entsteht ein Bild? Welche unterschiedlichen Faktoren wirken im Entstehungsprozess eines Bildes zusammen? Zunächst wollte ich ein abstraktes Bild malen. Ungeplant und ergebnisoffen. Als ich dann dem Bild zuschaute, wie es sich entwickelte, kam allmählich und anfänglich kaum wahrnehmbar in das Ungeplante eine bestimmte gestalterische Richtung hinein. Es entstanden durch Verstärken und Wegnehmen Farbstrukturen und Arbeitsspuren, die sich langsam zu einem Bild in Richtung späterem Titel formten. Konflikt. „Wenn ich ein weißes Blatt vor mir habe, geht mir vieles im Kopf herum. Was ich festhalten will, gegen meinen Willen, interessiert mich mehr als meine Ideen … Ideen sind nur Ausgangspunkte. Um zu wissen, was man zeichnen will, muss man zu zeichnen anfangen.“ Was Picasso über den Beginn einer Zeichnung sagte, lässt sich ohne weiteres auch auf den Beginn eines gemalten Bildes anwenden.
In zahlreichen Selbstzeugnissen über den Entstehungsprozess abstrakter Bilder machen v.a. die Maler der Moderne und aktuelle zeitgenössische Künstler immer wieder folgende Beobachtungen: Kreative Lenkung und malerischer Zufall, persönliche Empfindungen, individuelle Tagesform und gesellschaftlicher Zeitgeist bilden eine gestalterische Mischung, die bewusst und unbewusst in das Bild einfließen. Als ich an diesem Bild arbeitete, hatte ich mich zuvor intensiv mit dem Bürgerkrieg in Syrien befasst.


Quelle: Picasso, Über Kunst, Diogenes Verlag, Zürich 1988, S. 51


Konflikt | Acryl auf Leinwand | B 40cm x H 30cm | 2013

Montag, 17. März 2014

Geplanter Zufall und politische Positionierung

K.O. Götz in der Neuen Nationalgalerie Berlin

Vom 13.Dezember 2013 bis 02. März 2014 würdigte die Neue Nationalgalerie Berlin in einer Sonderausstellung das künstlerische Œuvre von K.O. Götz. Die Auswahl von rund 70 Werken gab einen repräsentativen Einblick in alle Schaffensperioden seiner abstrakt-gestischen Malerei.


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In meinem Beitrag möchte ich zwei Aspekte aus dem Gesamtwerk von K.O. Götz hervorheben, die auf den ersten Blick überhaupt nicht mit dem Informel in Verbindung gebracht werden: Planung und Zeitgeschichte. Denn bereits in der Anfangsphase der Entwicklung des Informel in der Bundesrepublik Deutschland wurde der pauschale Vorwurf der Wirklichkeitsflucht und damit verbundener Unverbindlichkeit erhoben. Die Loslösung von der geometrischen Abstraktion und die Hinwendung zur Formlosigkeit wurde als Inhaltsleere und Strukturlosigkeit missverstanden. Hier zeigte sich aber ein oberflächliches Verständnis von Kunst und ihren Aktionsweisen.

Illustration: Fred Tille





In der Berliner Ausstellung werden in einer Vitrine Vorzeichnungen, die filmischen Storyboards ähneln, gezeigt. Diese Beispiele zeigen wie umfangreich der Meister der gestischen Malerei seine Kunstwerke vorbereitete. Götz verwendete auch Schablonen und Abdecktechniken, die er über bereits gestaltete Bildflächen legte, um dadurch planerischen Einfluss auf das Ergebnis seiner künstlerischen Bemühungen zu nehmen. Die Bilder selbst entstanden zwar in Minutenschnelle, mussten sich aber einem kritischen Abgleich zwischen geplanten und zufälligen Bildstrukturen stellen. Ergebnisse, die diesem Vergleich nicht standhielten, wurden rigoros und oftmals auch in Minutenschnelle aussortiert. Der kontrollierende Blick auf das Bild ist der entscheidende Moment: "Entweder das Gemälde ist gut", sagt Götz, "oder es ist blöd. Dann wird die ganze Farbe wieder abgewischt." (Quelle: Angelika Kindermann, Wenn Götz kommt, kracht die Farbe, art-Magazin, Heftausgabe: 05/1998, Seite: 68-76) 

Illustration: Fred Tille

Zeitgeschichtliche Bezüge im Werk von Götz werden durch die eindrucksvolle Präsentation einer dreiteiligen Bildfolge verdeutlicht. Das Triptychon bestehend aus der Mitteltafel U.d.Z. (Unter diesem Zeichen) und deren flankierenden Seitentafeln Jupiter und Matador ist im Frühjahr 1958 als künstlerisch-politische Reaktion auf einen Beschluss des Deutschen Bundestages entstanden, der die Stationierung des Marschflugkörpers "Matador" und der Mittelstreckenraketen mit Atomsprengköpfen des Typs "Jupiter"auf dem Territorium der Bundesrepublik Deutschland vorsah.
„Der entfesselte Wirbel im Zentrum des Bildes Jupiter scheint die verheerende Kraft einer möglichen nuklearen Explosion zu versinnbildlichen. Die dynamischen Rakelzüge von Matador wecken Assoziationen an einen atomaren Sturm. Mahnend erhebt sich hierüber die christliche Ikonographie des Kreuzes von U.d.Z.“ (Quelle: Publikumsbroschüre zur Ausstellung, K.O. Götz,  Neue Nationalgalerie Berlin, 2013).
Götz verarbeitete auch in späteren Jahren in seinen Bildern zeitgeschichtlich bedeutsame Ereignisse. Beispielhaft seien hier die Moga-Serie 1977 (Flugzeugentführung von Mogadischu) und die Jonction Bilder 1990 zur Wiedervereinigung angeführt.
Es zeigt sich also, dass bewusste Gestaltung und zeitgeschichtliches Empfinden auch in der facettenreichen Typenvielfalt des Informel anzutreffen sind und in ihrer künstlerischen Umsetzung zu qualitativ hochstehenden und ausdrucksstarken Ergebnissen führen können.

Weiterführende Links:

Samstag, 1. März 2014

Durchblick

Philosophen, die sich mit den Auswirkungen des technologischen Zeitalters auf das gesellschaftliche Zusammenleben befassen, sprechen im Hinblick auf die Entwicklungen der fortgeschrittenen Industriegesellschaft von einer neuen Unübersichtlichkeit.
Der undurchsichtige Zusammenhang unserer modernen Zivilisation
ist ein merkwürdiger und beunruhigender Vorgang. In einer Zeit, in der „richtig und falsch“ oft nicht mehr so leicht zu deuten sind, fehlt vielfach Orientierung. Wir sind immer mehr auf uns selbst zurückgeworfen. Einen eigenen inneren Kompass zu entwickeln, der uns durch die individuellen Herausforderungen unserer gegenwärtigen und zukünftigen Lebenswelten leitet, bedeutet, sich auf eine Entdeckungsreise einzulassen.
In meinem Bild mit dem Titel „Durchblick“ versuche ich mich diesen Zusammenhängen in abstrakter Form zu nähern.



Durchblick | Acryl a. Lwd. | B 40cm x H 30cm | 2013