Privater Kunstblog zum Thema:

Künstlerisches Handeln in Zeiten globaler Umbrüche


Die Welt von heute scheint aus den Fugen geraten. Sie ist durch große Unsicherheit, Unübersichtlichkeit und Fragilität, Krieg und Flucht, Terror und Gewalt geprägt. Damit ist die Entwicklung unserer zukünftigen Lebenswelten wieder zu einem bedeutsamen Schwerpunkt in der Kunst geworden. Auch die Erkenntnisse und Prognosen der Techniksoziologie und der Zukunftsphilosophie werden zunehmend als Gegenstand der Kunst entdeckt. Die bildende Kunst, das Theater, die Literatur und der Film reagieren darauf auf unterschiedliche Art und Weise. Mich beschäftigt die Frage, wie kann sich der Künstler, der ja Teil dieser Entwicklungen ist, den sich daraus ergebenden existentiellen Herausforderungen sinnvoll nähern? In diesem Zusammenhang möchte ich meine Bilder aus der Zeit um 5 nach 12 in lockerer Folge vorstellen. Texte zu den globalen Auswirkungen des westlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems ergänzen diese bildlichen Darstellungen. Über Reaktionen von Künstlern, die einen ähnlichen Ansatz verfolgen, würde ich mich freuen.


SpotLights Berlin

Samstag, 5. September 2026

Abschied von der Erde?

Die Artemis II Mission der NASA im April 2026 habe ich mit großem Interesse verfolgt, weil ich mich kurz zuvor als Beitrag für eine Gruppenausstellung künstlerisch mit dem Thema Weltall und dem immensen Zeitfaktor in der interstellaren Raumfahrt beschäftigt hatte. Astronomen entdecken Jahr für Jahr neue Exoplaneten, einige davon in den sogenannten habitablen Zonen ihrer Sterne. Von den Exoplaneten, die wir derzeit kennen, ist Proxima Centauri der nächstgelegene von allen. Er ist ca. 4,37 Lichtjahre von der Erde entfernt. Mit heutiger Technologie würde der Flug zum mutmaßlichen Erdzwilling Proxima Centauri etwa 78.000 Jahre dauern. Diese gewaltigen kosmischen Entfernungen in Raum und Zeit haben mich stark beeindruckt und zu zwei Bildern inspiriert, die ich Euch später vorstellen möchte.

Aber erst mal zurück zum Post. Der Traum einer Reise zu einem fernen zweiten erdähnlichen Planeten scheitert also nicht daran, dass wir keine Raketen oder Raumschiffe - eventuell auch mit neuartigen technologischen Antriebsvarianten - bauen können. Er scheitert zunächst daran, dass das Universum unvorstellbar groß ist. 


Artemis II: Mehr als eine Mondmission


Die Mission Artemis II der NASA markiert einen historischen Schritt für Raumfahrt, Forschung und den Weg zum Mars. Anders als Artemis I, bei der das neue Raumfahrtsystem ohne Besatzung getestet wurde, waren die vier Astronauten an Bord der Orion-Kapsel die ersten Menschen seit mehr als 50 Jahren, die um den Mond herumgeflogen sind. Dabei waren sie weiter von der Erde entfernt als jede menschliche Besatzung seit der Apollo 17 Mission im Jahr 1972.

Das ist ein entscheidender Schritt in diesem neuen Kapitel der bemannten Raumfahrt. Es war kein einzelner, isolierter Besuch, sondern ein Probelauf für eine neue Ära. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr: Können Menschen zum Mond fliegen? Das wissen wir bereits. Die neue Frage lautet: Können Menschen dauerhaft jenseits der Erde leben und arbeiten? Artemis II war die Generalprobe für eine spätere Mondlandung und den Aufbau einer dauerhaften Mondbasis. Das große Ziel dahinter: Zurück zum Mond und weiter mit bemannten Flügen zum Mars.


Artemis II und der Traum von einer multiplanetaren Menschheit – Der lange Weg über den Mond zu den Sternen 


Als die ersten Menschen vor mehr als fünf Jahrzehnten den Mond betraten, schien der Weg ins All gerade erst begonnen zu haben. Doch nach den Apollo-Missionen folgte eine lange Phase der Zurückhaltung. Um den Mond wurde es wieder still. Raumstationen rückten in den Mittelpunkt, Roboter erkundeten ferne Planeten, und die großen Visionen von Städten auf dem Mars blieben vorerst Sciencefiction.

Mit dem Artemis-Programm der NASA kehrt die Menschheit nun zu einem alten Schauplatz zurück – aber mit einer neuen Absicht. Es geht nicht mehr nur darum, eine Flagge aufzustellen und wieder heimzukehren. Der Mond soll zu einem Testfeld werden: für Technologien, für neue Formen des Lebens außerhalb der Erde und für die zu beantwortende Frage, ob der Mensch eines Tages tatsächlich eine multiplanetare Spezies werden kann.

Vollmond über Bad Grund | Harz | Deutschland 2025

Plan B für die Menschheit – Warum Astrophysiker und Weltraumingenieure längst über eine Zukunft außerhalb der Erde nachdenken


Warum also investieren weltweit nationale Luft- und Raumfahrtbehörden in Zusammenarbeit mit Hochschulen und kommerziellen Partnern Milliarden in die Erforschung des Weltraums? Weshalb entwickeln Ingenieure Raumfahrzeuge für den Mars, planen Mondstationen und suchen Astronomen nach erdähnlichen Planeten in fernen Sonnensystemen?

Geht es wirklich nur um kosmische Abenteuerlust und Forscherdrang? Die Antwort lautet: Nein. Immer häufiger sprechen Wissenschaftler von einem Plan B für die Menschheit. Damit ist keine unmittelbare Evakuierung der Erde gemeint. Vielmehr geht es darum, das langfristige Überleben unserer Zivilisation zu sichern. Denn aus astronomischer Sicht ist kein Planet für immer ein sicherer Ort. Eine Zivilisation, die nur einen einzigen Lebensraum besitzt, ist verwundbarer als eine Zivilisation mit mehreren Lebensräumen. 

Prominente Physiker wie Stephen Hawking befürworten diese Forschungen. Dazu äußerte er sich in einem Interview mit dem Telegraph: „Ich glaube, dass wir keine 1000 Jahre mehr überleben werden, wenn wir zuvor nicht von diesem zerbrechlichen Planeten flüchten.“ (..) „Die Menschheit hat nur eine Zukunft, wenn sie den Weltraum erobert.“(1) Auch Michio Kaku, der zu den bekanntesten gegenwärtigen Physikern der Welt zählt, beschreibt bereits 2018 in seinem Buch „The Future of Humanity“ (2) die dringende existenzielle Notwendigkeit zum Aufbruch ins Weltall.


Die Erde ist nicht unverwundbar


Wer Nachrichten verfolgt, könnte meinen, der Klimawandel sei die größte Bedrohung für die Zukunft der Menschheit. Tatsächlich gehört er zu den drängendsten Herausforderungen unserer Zeit. Doch Astrophysiker denken in ganz anderen Zeiträumen – über Millionen oder sogar Milliarden Jahre.

Aus dieser Perspektive wird deutlich: Die Erde ist kein dauerhaft stabiles Zuhause. Das können selbst geschaffene Bedrohungen oder Naturkatastrophen sein. Große Asteroideneinschläge haben das Leben bereits mehrfach dramatisch verändert. Vor rund 66 Millionen Jahren führte der Einschlag eines etwa zehn Kilometer großen Asteroiden wahrscheinlich zum Aussterben der Dinosaurier. Solche Ereignisse sind selten, aber sie zeigen, dass unser Planet kosmischen Risiken ausgesetzt ist.

Hinzu kommen Supervulkane, extreme Sonneneruptionen oder langfristig die Entwicklung unserer Sonne selbst. In etwa fünf Milliarden Jahren wird sie sich zu einem Roten Riesen ausdehnen und die inneren Planeten des Sonnensystems grundlegend verändern. Für die Menschheit liegt dieses Ereignis unvorstellbar weit in der Zukunft – für die Astronomie ist es jedoch eine gut verstandene Phase der Sternentwicklung.



Der Traum von einer multiplanetaren Menschheit 


Diese Idee ist erstaunlich einfach. Kein Unternehmen speichert alle wichtigen Daten auf einem einzigen Computer. Kein Museum bewahrt alle Kunstwerke in einem einzigen Raum auf. Kein Saatgutarchiv existiert nur an einem Ort. Diese Beispiele wirken in diesem Kontext etwas banal. Aber sie illustrieren die Kernfrage. Warum sollte also die gesamte Menschheit ausschließlich auf einem Planeten leben?  

Das Leben ist zu kostbar, um es auf einen einzigen Planeten zu beschränken und damit der Unberechenbarkeit all dieser planetaren Bedrohungen auszuliefern. Der berühmte Astronom und Astrophysiker Carl Sagan sprach von der Notwendigkeit einer Versicherungspolice für die menschliche Zivilisation. Sagan meinte damit, dass wir eine Multi Planeten Species werden sollten. Eine zweite Erde im universellen Sinn – sei es auf dem Mond, dem Mars oder eines Tages in künstlichen Weltraumhabitaten – würde das Risiko eines vollständigen Verlustes unserer Zivilisation erheblich verringern.

Allerdings muss immer mitbedacht werden, dass jede Katastrophe, die der Erde passieren könnte, auch auf dem Mars oder Mond oder einer im All schwebenden Weltraumkolonie möglich wäre. Das gilt - wie auf der Erde - für selbst gemachte Katastrophen wie für äußere Ereignisse. 

Deshalb gibt es bei einigen Zukunftsforschern und Philosophen, die über existentielle Risiken der Menschheit und über die Besiedlung des Weltraums in welcher Ausformung auch immer nachdenken, auch die Rückversicherungsstrategie. Sie gehen davon aus, dass selbst bei einem globalen Atomkrieg oder einem nicht finalen Impaktereignis (Kollision zweier Himmelskörper mit sehr hoher Geschwindigkeit) es auf der Erde noch abgelegene Regionen gäbe, wo die Menschen überleben könnten und wieder bewohnbare Gebiete neu entstehen könnten. Diese interdisziplinär arbeitenden Wissenschaftler verkörpern gewissermaßen das Prinzip Hoffnung in der Apokalypse.

Der Mars in natürlichen Farben, aufgenommen von der al-Amal

Quelle: Wikipedia: CC BY 2.0  Kevin Gill from Los Angeles  


Die Suche nach einer zweiten Erde


Während Ingenieure an Raumfahrzeugen arbeiten, richten Astronomen ihre Teleskope auf ferne Sterne. In den vergangenen Jahrzehnten wurden tausende Exoplaneten entdeckt. Einige davon befinden sich in der sogenannten habitablen Zone, in der flüssiges Wasser möglich sein könnte. Das bedeutet nicht, dass diese Welten bewohnbar sind.  

Doch jede Entdeckung erweitert unser Verständnis darüber, wie häufig lebensfreundliche Planeten im Universum sein könnten. Die Suche nach einer zweiten Erde im Sinne von multiplanetaren Habitaten ist deshalb weniger eine konkrete Evakuierungs- und Siedlungsstrategie als eine wissenschaftliche Expedition in die Möglichkeiten des Lebens im interstellaren Bereich.

Inspirationsquelle 1: Proxima Centauri | Text in the image: The space trip to Proxima Centauri takes 78000 years

Kein Ersatz für den Planeten Erde


Bei der Suche nach erdähnlichen Planeten tritt sehr häufig ein riesiges Missverständnis auf. Die Forschungen haben nicht das primäre Ziel, einen Ersatz für unseren Planeten zu finden. Niemand in der wissenschaftlichen Gemeinschaft geht davon aus, dass die Menschheit die Erde in absehbarer Zeit vollständig verlassen wird. Selbst optimistische Szenarien sehen den Mars zunächst als kleine Forschungs- oder Siedlungsgemeinschaft. Die Erde bleibt auf lange Sicht unser wichtigster Lebensraum.

Raumfahrt ist daher kein Ersatz für Klima- oder Umweltschutz. Wer vom Mars träumt, sollte den Wert der Erde nicht unterschätzen. Eine zweite Heimat macht die erste nicht weniger kostbar. Aber wissenschaftlich betrachtet wären eine Marsbasis oder eine Weltraumkolonie keine Rettungsinseln für die gesamte Menschheit. Selbst sehr große Raumfahrtprojekte könnten in absehbarer Zeit nur einen winzigen Teil der Erdbevölkerung aufnehmen.


Die realistischere Vision lautet daher nicht: Wir verlassen die Erde, weil sie unbewohnbar wird. Sondern: Wir schützen die Erde zur Risikominimierung nachhaltig in allen Bereichen, treiben technologische Entwicklungen voran und erweitern gleichzeitig den Lebensraum der Menschheit. Kurz gesagt: Die Menschheit muss endlich anfangen ernsthaft und konsequent nachhaltig mit ihrem eigenen Planeten umzugehen und ihn in seiner Einzigartigkeit zu schützen.  

Das ist der eigentliche Kern der Forschung an Mondstationen, Marsmissionen und langfristigen Raumfahrtkonzepten. Vielleicht liegt darin die wichtigste Botschaft: Die spannendste Zukunftsvision ist nicht unbedingt, eine zweite Erde zu finden. Sondern alles dafür zu tun, dass wir die erste niemals aufgeben müssen.  


Allerdings kommen, was den Willen zu nachhaltigem Handeln angeht, große Zweifel auf, wenn man sieht, wie der Klimawandel weltweit nur halbherzig und auf Sparflamme bekämpft wird. Auch die allgemeine krisenhafte Weltlage gibt wenig Anlass für Optimismus.

Inspirationsquelle 2: Pluto | Text in the image: 248 years pass on Earth, until Pluto has completed one orbit around the Sun


An dieser Stelle komme ich noch einmal auf das Artemis II Programm zurück, indem ich den deutschen Astronauten Alexander Gerst zitiere. Auf die Frage, worin für ihn der eigentliche historische Kern des Artemis II Projektes liegt, antwortet er: 

"Wenn es die Menschheit in 10.000 Jahren noch gibt und man dann auf unsere Zeit zurückblickt, wird das evolutionshistorisch wahrscheinlich ein ähnlich bedeutender Moment sein wie der erste Fisch, der das Meer verlassen hat. Denn genau das passiert gerade: Der Mensch verlässt seinen Heimatplaneten nicht mehr nur für kurze Zeit, sondern beginnt, sich dauerhaft darüber hinauszubewegen. Wir nehmen diese Tragweite womöglich noch gar nicht wahr, weil wir zu nah dran sind. Seit zweieinhalb Jahrzehnten leben Menschen ununterbrochen im Weltraum. Für viele Jüngere ist das längst normal. Historisch ist es ein gewaltiger Schritt. Ich glaube, genau das fasziniert die Menschen an diesen Missionen: Sie spüren, dass hier etwas beginnt, das bleiben wird. Es wird keine Zeit mehr geben, in der der Mensch nicht im Weltraum präsent ist." (3)


Sämtliche Fotos außer anderweitig gekennzeichnete: Fred Tille

Quellen:

(1)Interview mit Hawking und Sarah Knapton, Science Editor der britischen Tageszeitung The Telegraph

Der Interviewtitel: Disaster on planet Earth is a near certainty, 2016.  

Stephen Hawking: disaster on planet Earth is a near certainty

(2) Michio Kaku, The Future of Humanity, Terraforming Mars, Interstellar Travel, Immortality, and our Destiny Beyond Earth, Doubleday, New York 2018

(3) Berliner Morgenpost, 21.04.2026, Interview mit Eileen Wagner,

Weiterführende Links:  

Proxima Centauri - Ein erdähnlicher Planet in unserer Nachbarschaft

New Horizons: Raumsonde zur Erforschung des Zwergplaneten Pluto

Originalwebsite der NASA zu Artemis I bis IV

Artemis II multimedia resource collection der NASA

Originalwebsite der ESA-European Space Agency  

Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt | Reiseziel Mond für das Europäische Servicemodul  

Über Alexander Gerst

Emirates Mars Mission:

Al-Amal (arabisch الأمل, ‚die Hoffnung‘, englisch Hope, auch bekannt als Emirates Mars Mission) ist eine Raumsonde der Vereinigten Arabischen Emirate zur Untersuchung der Marsatmosphäre und des Marsklimas.

MULTIPLANETARE SPEZIES | Die Zukunft der Menschheit im All  

Mehr über Leben und Werk von Car lSagan

Die Menschheit als multiplanetare Spezies in den kontrovers aufgenommenen Plänen von Elon Musk und Jeff Bezos Ein Beitrag bei Yahoo-Nachrichten (1)

Die Menschheit als multiplanetare Spezies in den kontrovers aufgenommenen Pänen von Elon Musk und Jeff Bezos Ein Beitrag bei Linkedin( 2)

Planetare Verteidigung und Earth Impact Effects Program  

Impaktwirkungen in der Erdgeschichte | Gefahren durch Einschläge  

Interdisziplinäre Wissenschaften mit dem Forschungsgebiet „Ende der Menschheit“ mit Literaturnachweisen  

Für meine Leserinnen und Leser, die gerne in anderen Blogs weiterlesen, kann ich Bernd Leitenbergers originellen interdisziplinären Blog über Raumfahrt, Computer, Ernährung und den Rest empfehlen.  

Künstlerische Positionen zum Thema Weltraum:  

Weltraum - Die Kunst und ein Traum  

Kunst und Weltraum-Ein Projekt derUniversität Zürich

Zu den Sternen! Weltraum und Weltfluchtseit der Moderne

Space Art