Privater Kunstblog zum Thema:

Künstlerisches Handeln in Zeiten globaler Umbrüche


Die Welt von heute scheint aus den Fugen geraten. Sie ist durch große Unsicherheit, Unübersichtlichkeit und Fragilität, Krieg und Flucht, Terror und Gewalt geprägt. Damit ist die Entwicklung unserer zukünftigen Lebenswelten wieder zu einem bedeutsamen Schwerpunkt in der Kunst geworden. Auch die Erkenntnisse und Prognosen der Techniksoziologie und der Zukunftsphilosophie werden zunehmend als Gegenstand der Kunst entdeckt. Die bildende Kunst, das Theater, die Literatur und der Film reagieren darauf auf unterschiedliche Art und Weise. Mich beschäftigt die Frage, wie kann sich der Künstler, der ja Teil dieser Entwicklungen ist, den sich daraus ergebenden existentiellen Herausforderungen sinnvoll nähern? In diesem Zusammenhang möchte ich meine Bilder aus der Zeit um 5 nach 12 in lockerer Folge vorstellen. Texte zu den globalen Auswirkungen des westlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems ergänzen diese bildlichen Darstellungen. Über Reaktionen von Künstlern, die einen ähnlichen Ansatz verfolgen, würde ich mich freuen.


Mittwoch, 22. Januar 2014

Das Zeitalter der Fische


Ödön von Horváth im Deutschen Theater Berlin

Am 18.Dezember 2013 hatte die Theaterfassung von Horváths Roman „Jugend ohne Gott“ Premiere in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin. Seit Erscheinen des Romans 1937 sind 76 Jahre vergangen. Die elementaren Grundfragen, die in diesem Werk gestellt werden, sind jedoch hochaktuell. In seinem Roman, der von den Nazis 1938 verboten wurde, schildert Horváth im Rahmen einer Kriminalgeschichte die soziale Kälte und Verlogenheit der faschistischen Gesellschaft im Deutschland der 30iger Jahre. In ihr wächst eine verlorene Jugend ohne humane Orientierung heran. Der Lehrer und einige wenige Schüler, die noch humanistische Ideale haben, müssen diese unter dem Druck der Herrschenden verleugnen. Der Roman wirft Fragen auf: Woran halten sich die Menschen, wenn ethische Werte als überholt gelten und Lüge, Dummheit und Vorurteile sich in der Öffentlichkeit breit machen? Wie verhält sich der Mensch, wenn massiver Anpassungsdruck auf ihn ausgeübt wird? 

Zweimal Deutsches Theater Berlin: Ödön von Horváth | 1931 und 2014 | Montage und Foto: Fred Tille

Diese elementaren Fragen der menschlichen Existenz sind heute aktueller denn je. Diese Aktualisierung findet allerdings nur im Kopf des Zuschauers und nicht auf der Bühne statt. Nur zu Beginn der Vorstellung vermittelt eine projizierte Textpassage einen Gegenwartsbezug. Hier ein Auszug:
„Gesellschaften unseres Typs werden in den kommenden Jahren und Jahrzehnten mehr und mehr unter Stress geraten, unter Ressourcenstress, Schuldenstress, Migrationsstress. Da sich unsere Welt radikal verändern wird, stehen wir nicht vor der Frage, ob alles so bleiben soll, wie es ist, oder nicht. Wir stehen nur vor der Frage, ob sich diese Veränderung durch Gestaltung oder Zerfall vollziehen wird - ob man sehenden Auges die Verkleinerung des noch bestehenden Handlungsspielraums geschehen und damit Freiheit, Demokratie, Recht und Wohlstand über die Klinge springen lässt. Oder ob man seinen Handlungsspielraum nutzt, um Freiheit zu erhalten, also auch die Freiheit, die Dinge besser zu machen.“
Sonst drohen kalte Zeiten, die Horváth in seinem Roman prognostiziert. Das Zeitalter der Fische.

(Zit. Nach Programmheft des DTB, S. 10f./Quelle: H.Welzer, „Selbst denken“, Frankf./M., S.Fischer 2013)

Weiterführender Link: 

Ödön von Horváth bei Wikipedia