Privater Kunstblog zum Thema:

Künstlerisches Handeln in Zeiten globaler Umbrüche


Die Welt von heute scheint aus den Fugen geraten. Sie ist durch große Unsicherheit, Unübersichtlichkeit und Fragilität, Krieg und Flucht, Terror und Gewalt geprägt. Damit ist die Entwicklung unserer zukünftigen Lebenswelten wieder zu einem bedeutsamen Schwerpunkt in der Kunst geworden. Auch die Erkenntnisse und Prognosen der Techniksoziologie und der Zukunftsphilosophie werden zunehmend als Gegenstand der Kunst entdeckt. Die bildende Kunst, das Theater, die Literatur und der Film reagieren darauf auf unterschiedliche Art und Weise. Mich beschäftigt die Frage, wie kann sich der Künstler, der ja Teil dieser Entwicklungen ist, den sich daraus ergebenden existentiellen Herausforderungen sinnvoll nähern? In diesem Zusammenhang möchte ich meine Bilder aus der Zeit um 5 nach 12 in lockerer Folge vorstellen. Texte zu den globalen Auswirkungen des westlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems ergänzen diese bildlichen Darstellungen. Über Reaktionen von Künstlern, die einen ähnlichen Ansatz verfolgen, würde ich mich freuen.


SpotLights Berlin

Donnerstag, 17. Februar 2022

Auch das noch! Kollege Roboter als Maler! KI in der Malerei | Drei Beispiele | Teil 2

Beispiel 2: e-David – Ein Projekt der Universität Konstanz

Beim letzten mal hatte ich Euch den Malroboter AI-DA vorgestellt. Heute berichte ich über seinen Malerkollegen e-David. Im Gegensatz zu Aida, der menschelnd daherkommt, leugnet e-David seine maschinelle Herkunft nicht. e-David ist ein gewöhnlicher Schweißroboter, wie er normalerweise zur Herstellung von Autos verwendet wird, der aber in einem Projekt an der Universität Konstanz zu einem malenden Roboter umfunktioniert wurde. Konzipiert wurde das Projekt e-David von Oliver Deussen, Professor für Visual Computing und seinen wissenschaftlichen Mitarbeitern Marvin Gülzow und Thomas Lindemeier. David ist die Abkürzung für Drawing Apparatus for Vivid Image Display. Diesem Apparat zum Malen von lebendig wirkenden Bildern wollen die Wissenschaftler beibringen alle Aspekte einer künstlerischen Gestaltung im Malprozess zu produzieren.



Wie funktioniert e-David ?


Damit der Roboter lebendig wirkende Bilder malen kann, wurde der Schweißroboter mit mehreren Kameras und einem Steuerrechner gekoppelt. Ein Computerprogramm gibt dem Roboter vor, welche Pinselstriche er machen soll und überwacht, was auf der Leinwand erscheint.  

Im folgenden Video könnt ihr beobachten wie David ein Selbstportrait malt.


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Informatiker Thomas Lindemeier, einer der Entwickler an der Universität Konstanz, befestigt einen Pinsel am Roboterarm. Und schon legt der Roboter los. Behutsam streicht e-David den Pinsel über die Leinwand, tunkt ihn in einen Wasserbehälter, um den Pinsel zu waschen, ehe er zum nächsten Farbtopf wechselt und weiter malt.

Als Vorlage dient e-David eine x-beliebige Fotografie, eingescannt, vom Handy oder aus dem Netz. Eine an der Wand installierte Kamera schießt nun alle paar Minuten ein Foto der Leinwand und gleicht sie mit dem Vorlagenbild ab. Die Kombination aus Vorlagenbild und Leinwand gibt e-David die nötigen Impulse, um den Pinsel an der richtigen Stelle anzusetzen. Weltweit gebe es zwar verschiedene Malroboter, doch keiner sei laut Lindemeier so intelligent wie David. 

"Andere Malroboter malen nach einem fix vorprogrammierten Ablauf, bei dem jeder Pinselstrich bereits eingeplant wird, sie drucken das Bild quasi nur aus", sagt Lindemeier. "Unser Roboter dagegen überwacht sich mit Kameras selbst und entwickelt so eine eigene Ästhetik."

Würde e-David zweimal das gleiche Foto als Vorlage verwenden, das gemalte Bild würde am Ende unterschiedlich aussehen, weil der Weg zum fertigen Bild nicht programmiert ist. Tatsächlich haben die Gemälde eine ganz eigene Ästhetik. Im folgenden Video e-David - a Painting Robot könnt ihr beobachten wie und nach welchen Prinzipien David malt.


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Ob diese visuelle Rückkoppelung und gewisse Momente des Kontrollverlusts immer noch ein absolutes Alleinstellungsmerkmal von e-David ist, sei zunächst dahingestellt. Auch der Malroboter AI-DA ist im Produktionsprozess selbständig ohne direkte Mitarbeit und Weiterbearbeitung durch den Menschen maschinell künstlerisch kreativ. 

In Verbindung mit der Verarbeitung der digitalen Eingabedaten und den über die Kameraaugen aufgenommenen und gescannten Rauminformationen entsprechen bei AI-DA im Abgleich mit der Programmierung die Ausgabedaten daher nicht immer und unbedingt den Eingabedaten. Es entsteht auch bei AI-DA ein Interpretationskorridor. Was aber auf jeden Fall ein Alleinstellungsmerkmal von e-David ist, ist die direkte Kooperation mit der Künstlerin Liat Grayver. 


„Der Roboter arbeitet mit mir, nicht für mich“ 


Die Medienkünstlerin und Malerin Liat Grayver und e-David bringen Malerei und digitale Technologie zusammen.

Normalerweise ist ein Computer mit seinen präzisen Programmanweisungen ganz deterministisch angelegt. Er arbeitet nach klaren Vorgaben. Bei dieser Mensch-Maschine-Kooperation geht es nun allerdings darum, dem Computer Freiheiten einzuräumen, um auch selbst Entscheidungen treffen zu können. Außerdem wurden von den Entwicklern und Grayver Momente des Kontrollverlusts z. B. durch die Materialwahl vorgesehen: 

„Für die Aufzeichnung habe ich Reispapier gewählt, ein sehr dünnes Papier, das die Farbe aufsaugt. Auf diese Weise arbeitet die Materie unkontrollierbar weiter, es entstehen Überlagerungen von Farbe und Wasserverläufe“,

erklärt Malerin und Medienkünstlerin Grayver. Durch die permanente visuelle Rückkoppelung in Verbindung mit dem Prinzip von Machine Learning lernt der Malroboter gewisse Regelmäßigkeiten in der Unregelmäßigkeit zu erkennen und darauf zu reagieren.

Im folgenden Video Brushstroke in the digital age wird exemplarisch sehr gut das Collaborating zwischen Entwickler, Künstlerin und e-David dargestellt (in englischer Sprache).


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„Betrachter würden nicht denken, dass die Bilder, die so entstehen, von einer Maschine geschaffen wurden“, sagt Grayver. 


Grayver beschäftigt sich seit Oktober 2018 mit dem Projekt „Human-Machine: Interaction as a Neutral Base for a New Artistic and Creative Practice.“

Ihr bisheriges Collaborating mit e-David beurteilt sie positiv: 

 „Die Entwicklung einer neuen Technik, wie eines malenden Roboters, eröffnet mir eine bislang in diesem Maße nicht gekannte künstlerische Freiheit.“


In ihrer Ausstellung (Learning) The Grammar of the Act in der Bibliothek der Universität Konstanz zeigt Grayver, wie sich Malerei und Technik auch in der Praxis zusammen bringen lassen. Der Roboter zeichnet in dieser Ausstellung die Bewegungen der Menschen nach, die die Bibliothek der Universität Konstanz im Seitentrakt betreten. Das Ergebnis: Expressionistisch anmutende Gemälde.

Das folgende Video zeigt anschaulich e-David bei der Arbeit im Rahmen der Ausstellung (Learning) The Grammar of the Act.


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Was wird mit dem Projekt e-David beabsichtigt?

Den Entwicklern geht es nicht nur darum, ein Bild stumpf 1:1 abzumalen. Sie wollen entschieden mehr. Die Forscher möchten ihren Roboter befähigen, einen völlig neuen Raum für künstlerische Möglichkeiten sowohl auf der semantischen als auch der technischen Ebene zu schaffen. Bis es soweit sein könnte, sind aber noch sehr viele Hürden zu überwinden.  

Bereits im jetzigen Stadium mussten auf technischer Ebene unglaublich umfangreiche Algorithmen entwickelt werden, die möglichst präzise den malerischen Eigenschaften menschlicher Maler in der realen Welt entsprechen. Wie können beispielsweise verschiedene Farben auf der Leinwand oder auf der Palette gemischt werden? Wie soll die Größe des Pinsels eingestellt werden und wann muss Glasur hinzugefügt werden?

 

Interface #4, Fred Tille, Digitale Collage

Auf der semantischen Ebene wird es ungleich komplexer. Ich habe die Entwickler in der Projektbeschreibung so verstanden, das sie damit eine möglichst vollständige und wirklichkeitsgetreue Abbildung der Realität mit den Werkzeugen der Informatik anstreben. Übertragen auf die Informatik würde das bedeuten, dass der semantische Aspekt einer Information von Zeichen und deren Anordnung abhängt. Das wiederum führt zu folgenden Fragestellungen:

Wann und warum sollte eine semantische Methode zur Definition des Objekts im Bild verwendet werden? Ist es ein Vorteil oder ein Nachteil, semantische Objekte zu malen, ohne bereits ein kognitives Verständnis dafür zu haben? 

Insgesamt sind die Entwickler schon sehr weit gekommen. Durch das Prinzip der visuellen Rückkoppelung halten sie quasi Rücksprache mit David. Sie diskutieren, wie sie zu dem aktuellen Gemälde gekommen sind und heben die bisher festgestellten Stärken und Schwächen sowie Pläne für zukünftige Erweiterungen hervor. Dadurch erweitern sie das Verständnis für tiefes Lernen, künstliche Intelligenz und Roboterkreativität enorm. Das Mensch/Maschine Collaborating erkundete weitere Möglichkeiten, den Malroboter kreativ zu nutzen und reflektierte Ideen darüber zu entwickeln, wie diese in Form von Software und Hardware implementiert werden könnten. 

Auf diese Art und Weise könnten maschinengestützte kreative Schnittstellen innerhalb des breiteren Feldes der Medienkunst und der Malerei entwickelt werden, die dann Künstlern als Plattform offenstehen könnten. In Verbindung mit Collaborating - wie z.B. durch Grayver praktiziert – würden Malroboter auch kreativ für die Produktion von Kunstwerken genutzt werden können.

Interface #1, Fred Tille, Digitale Collage

Fazit e-David: Autonome Kunstwerke mit Algorithmenvorgabe in Verbindung mit visueller Rückkoppelung und menschlichen Eingriffen zur Optimierung.

Nach der Wunschvorstellung der Informatiker soll eDavid befähigt werden, einen völlig neuen Raum für künstlerische Möglichkeiten zu schaffen. Im Idealfall, so hoffen die Forscher, kann e-David irgendwann also nicht nur Bilder reproduzieren, sondern darüber hinaus neue, sich durch die Möglichkeiten der Maschine ergebende Mal-Techniken entwickeln. Durch seine im Programm vorgesehene permanente Selbstverbesserung in Verbindung mit menschlichem Collaborating kommt e-David zu erstaunlichen Ergebnissen. Lindemeier sieht aber auch, dass 

"der Computer diesen Raum zuerst verstehen [müsste], um daraus einen neuen Raum des Möglichen zu machen. Da gebe es im Bereich maschinellen Lernens und künstlicher Intelligenz noch viele Hürden."


Dem ist nichts hinzuzufügen. Mit seinen bisherigen malerischen Fähigkeiten hat es e-David mit seinem Werk homage to Jackson Pollock immerhin geschafft, im robotart Wettbewerb von 2017 den 4. Platz zu machen und damit $6000 zu gewinnen.

Auf jeden Fall kann er nach meinem Empfinden besser mit Pinsel und Farbe umgehen als sein Malerkollege AI-DA .

Hier noch das passende Video: e-David - homage to Jackson Pollock



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Der Bau und die Weiterentwicklung von e-David bringt noch viele Herausforderungen in den Bereichen Engineering, Robotik, Computergrafik und Computerdesign und vor allem Computer-Vision mit sich. Unter Computer Vision verstehe ich in Bezug auf die Weiterentwicklung von Malrobotern einen wissenschaftlichen Grenzbereich zwischen Informatik und den Ingenieurwissenschaften, in dem versucht wird die von Kameras aufgenommenen Bilder auf unterschiedlichste Art und Weise zu verarbeiten und zu analysieren, um deren Inhalt zu verstehen.

Und damit komme ich zu den weiteren Beispielen, die ich Euch in der Fortsetzung meiner Miniserie vorstellen möchte.  

Mein nächster Post mit Beispiel 3 zeigt eine weitere Version: KI ist meine neue Muse. Der Rechner als Partner des Malers.



 

Weiterführende Links zu e-David :

e-David.A painting process. (In englischer Sprache)

Original-Website der Universität Konstanz über das Projekt mit Videos und artworks.

Künstliche Intelligenz: David, der Kunst-Roboter

Artikel im Tagblatt (CH) mit Fotos und Projektbeschreibung von den Entwicklern Lindemeier und Gülzow  

e-David: Roboter als Kunstmaler

Ein kurzer Artikel in computerbild mit 12 Gemälden und Zeichnungen von eDavid.

Der YouTube Channel von eDavid. (In englischer Sprache)

Zusammenstellung der Projektvideos.

Die Original - Website von Liat Grayver (In englischer Sprache)

Der Pinselstrich im digitalen Zeitalter

Aktuellste Mitteilung zum Projektstand. Ausstellung „InComputable Imagery“ von Medienkünstlerin Liat Grayver und Malroboter e-David ab dem 5. November 2021 in Konstanz.  

Kann Künstliche Intelligenz kreativ sein?

Überblickartige Zusammenfassung vieler Hauptgesichtspunkte aus der Sicht der Kreativbranche. 

Künstliche Intelligenz Vs. Mensch – Sind Wir Ersetzbar?

Wie können wir uns gegenüber künstlicher Intelligenz abgrenzen?

Kann KI Bewusstsein entwickeln?

Wie Künstliche Intelligenz Content erstellt.

Künstliche Intelligenz und Bewusstsein

Lässt sich Bewusstsein nachbilden?


Eine etwas kindlich aufgemachte Website zur robotart, aber mit guten Beispielen zur aktuellen Werkproduktion von Malrobotern.  

Sämtliche Fotos, wenn nicht anders gekennzeichnet, Fred Tille.



Donnerstag, 13. Januar 2022

Pushback

ZeitBild | Nr.7

Pushback
ZeitBild | Nr. 7
>Pushback< ist das >Unwort des Jahres< 2021. Das gab die Jury der sprachkritischen Aktion am Mittwoch in Marburg bekannt. Der aus dem Englischen stammende Begriff wird im Zusammenhang mit Zurückweisungen von Flüchtenden an Grenzen verwendet.“ (1) Zitat aus spiegel.de, 12.01.2022 
Foto: Fred Tille/Flucht, Acryl und Lack auf Papier, 18x27, 2016 


Das Wort bezeichnet die Praxis von Europas Grenztruppen, Flüchtende an der Grenze zurückzuweisen und am Grenzübertritt zu hindern. Mit der Verwendung des Ausdrucks wird ein menschenfeindlicher Prozess beschönigt, der den Menschen auf der Flucht die Möglichkeit nimmt, das Asylrecht wahrzunehmen. Der Einsatz des Fremdwortes trägt zur Verschleierung des Verstoßes gegen die Menschenrechte und das Grundrecht auf Asyl bei. 

Die Kunst hat sich auch mit diesen gesellschaftspolitischen Zusammenhängen auf unterschiedliche Art und Weise beschäftigt. Ich z.B. habe mich in einer Bildserie dem Migrationsthema mit den Mitteln der Malerei genähert. Hier seht ihr Flucht / Transit #6.  

In meinem Blog findet ihr viele Posts zu diesem Thema, die ich in folgender Sammlung von Links zusammengefasst habe.

Chromos goo bugly – Daniel Richter in Innsbruck, 10/2014

Transit – Anna Seghers im Deutschen Theater Berlin, 02/2015

Grenzgänge, 08/2016

Guernica in Berlin, 04/2017

Transit – Christian Petzolds neuester Film, 04/2018



Freitag, 30. April 2021

Paradise Lost oder Kunst und Leben

 ZeitBild | Nr. 6


Paradise Lost oder Kunst und Leben

ZeitBild | Nr. 6
12. September 2019, um 19:00 Uhr bei C/O Berlin im Amerika Haus in der Hardenbergstraße am Bahnhof Zoo. Vernissage zur Doppelausstellung No Photos on the Dance Floor! und Robert Frank | Unseen.
Foto: Fred Tille



Inside – Outside


Massenandrang vor dem Galerieeingang und Besucher bei der Betrachtung der Fotos von Robert Frank im oberen Bildteil. Inside – Outside. Hier spiegeln sich im wahrsten Sinne des Wortes Kunst und Leben. Die Warteschlange vor der Galerie könnte auch vor dem Club Berghain stehen. Die Reflexion im oberen Bildteil wiederum zeigt Besucher im Haus, die das Leben betrachten wie es Robert Frank in seinen Fotografien eingefangen hat. Draußen das Leben. Drinnen Bilder über das Leben. Kunst und Leben in einem Foto.  

 C/O Berlin im Amerika Haus


Paradise Lost oder Kunst und Leben


Ursprünglich war für mein ZeitBild der Titel Kunst und Leben vorgesehen. Jetzt ist der Titel Paradise Lost angebrachter. Massenandrang vor dem Galerieeingang. Ein Bild aus vergangenen Zeiten. Heute in Zeiten von Corona völlig unmöglich. 

Das Ausstellungsprojekt No Photos on the Dance Floor! Berlin 1989-Today dokumentiert historisch die Berliner Clubszene seit dem Fall der Mauer bis heute. Der Titel bezieht sich auf eine rigide Regel des Berliner Clubs Berghain, die auch heute noch in den meis­ten Clubs der Stadt streng durch­ge­setzt wird. Niemand soll sich beob­ach­tet fühlen. 

In Zeiten von Corona sind alle Clubs seit über einem Jahr geschlossen. Das Berghain hat auf Kunst umgesattelt und öffnet seine Tore für Kunstliebhaber. Die Zusammenarbeit zwischen Nachtclub und Kunstwelt gilt schon jetzt als wegweisend in der Corona-Krise. 

An der Fassade hängt ein Banner mit der Aufschrift MORGEN IST DIE FRAGE und bringt damit die Situation auf den Punkt. Vielleicht weist es auch auf eine bessere Zukunft hin. Paradise Lost ist das aktuelle Leben. Und so funktioniert mein ursprünglich geplanter Titel Kunst und Leben letztendlich doch wieder.  

Kunst und Leben. Ein weites Feld.


Kunst und Leben sind untrennbar miteinander verbunden. Bei Beuys ist jeder Mensch ein Künstler und bei Picasso wäscht die Kunst den Staub des Alltags von der Seele. Bei Vostell ist Kunst Leben und Leben ist Kunst. 

Performative Kunst versucht die Besucher in das Kunstgeschehen miteinzubeziehen. Kunst lebt von der öffentlichen Präsentation. Sie wird geschaffen, um sie mit anderen zu teilen, zur Auseinandersetzung mit der Umwelt anzuregen. 

Allerdings wird auch oftmals auf banalste Weise versucht Kunst und Leben miteinander zu verbinden. In Museen und Galerien wird gekocht. In einem Magazin über Kunst und Leben werden Künstlerrezepte nachgekocht. 

Über das Verhältnis zwischen Kunst und Leben ist sehr viel Nonsens und Weltfremdes gesagt und geschrieben worden. Aber es gibt natürlich auch ernsthafte künstlerische Bemühungen, die Entwicklung unserer zukünftigen Lebenswelten wieder zu einem bedeutsamen Schwerpunkt in der Kunst zu entwickeln. Die bildende Kunst, das Theater, die Literatur und der Film reagieren auf diese Herausforderungen auf unterschiedliche Art und Weise. 


Über die Ausstellungen in der C/O Berlin im Amerika Haus:


No Photos on the Dance Floor! Berlin 1989—Today 

Mit dem Ausstellungsprojekt wird bei C/O Berlin die Berliner Clubszene seit dem Fall der Mauer historisch dokumentiert.  


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Robert Frank | Unseen

Robert Franks stilbildendes und berühmtes Buch The Americans ist die Basis dieser Ausstellung. Frank hat bei seiner Erkundung zwischen der amerikanischen Ost- und Westküste fast 30.000 Aufnahmen angefertigt. Nur 83 Schwarzweißbilder haben es in Franks Buch The Americans geschafft. Es ist eine Mischung aus Gesellschaftsporträt und fotografischem Roadmovie aus dem Leben der Amerikaner. The Americans.  


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Weiterführende Links:

Berliner Clubs von A bis Z

Wie Kunst sich ins Leben einmischt

Partizipation ZKM | Zentrum für Kunst und Medien, Karlsruhe

Kunst ist Leben. Leben ist Kunst. Wolf Vostell  




Freitag, 2. April 2021

Auch das noch! Kollege Roboter als Maler! KI in der Malerei | Drei Beispiele | Teil 1

Zu komplex!

Bei meinen Recherchen habe ich festgestellt, das das Thema zu komplex ist, um die drei Beispiele - wie ursprünglich geplant - in einem einzigen Post abzuhandeln. Der Post würde sich von der Lesedauer so in die Länge ziehen, dass ihn wahrscheinlich keiner mehr bis zum Ende liest. Deshalb habe ich das Motto der re:publica19 Konferenz „tl;dr | Internet-Slang für too long; didn’t read!“ beherzigt und teile meinen Blogpost auch zur besseren Übersichtlichkeit in eine Miniserie mit vier Teilen auf. In drei Posts stelle ich die Beispiele vor, die die Rolle von KI in der Malerei beschreiben und im letzten Teil behandle ich überblicksartig die Hauptfragen, die im Zusammenhang mit Malmaschinen und Algorithmen in der Kunst diskutiert werden. 


Nicht eindeutig!


In den letzten Jahren versuchen Computer eine der wirklich letzten Domäne der Menschen zu erobern: Die Kreativität. Die Welt steht am Anfang einer Ära von intelligenten, selbst lernenden Maschinen, die für sich ohne weitere Eingriffe durch den Menschen entscheiden, was für die Erfüllung der ihnen zugedachten Aufgaben relevant und angemessen ist. Das gilt auch für die Kunst. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sowohl Künstliche Intelligenz als auch Kreativität nicht eindeutig definiert sind. Das gilt auch für die menschliche Intelligenz. 

Künstliche Intelligenz (KI) – im Englischen Artificial Intelligence (AI) – ist zunächst ein Oberbegriff. Er ist nicht eindeutig, da es schon an einer präzisen Definition von Intelligenz mangelt. In der Forschung und Entwicklung wird der Begriff KI dennoch verwendet. In der Regel ist damit die Erforschung eines intelligenten Problemlösungsverhaltens gemeint. Mithilfe eines Algorithmus wird versucht, bestimmte Entscheidungsstrukturen nachzubilden. Ein Computer kann dann so programmiert werden, dass er eigenständig Probleme bearbeitet. Ein Beispiel dafür ist die Entwicklung der Fähigkeit, aus Erfahrung zu lernen und Schlussfolgerungen aus unvollständigen Informationen zu ziehen.


Das ewige Thema: Mensch und Roboter | Collage, Fred Tille, Mixed Media auf Lwd. 18x27cm, 2014

In meinem Post verwende ich auch die Begriffe Machine Learning, künstliche neuronale Netze und Deep Learning. Sie bilden insgesamt Teilbereiche der künstlichen Intelligenz und gliedern sich untereinander auf. So ist das Deep Learning wiederum ein Teilbereich des Machine Learning.

Im einzelnen möchte ich diese Termini nicht tiefer gehend erläutern. Das würde den Rahmen dieses Blogposts sprengen. Für die Beschreibung der Rolle von KI in der Malerei ist das auch nicht unbedingt erforderlich.

Aber nun zum eigentlichen Thema: Kollege Roboter als Maler!


Lieber Computer, male mir!


In Anspielung auf die Kippenberger Serie Lieber Maler, male mir, in der der Künstler wandgroße Gemälde von einer Plakatwerkstatt nach seinen Vorgaben fotorealistisch anfertigen ließ, setzen Teams von Informatikern, Webdesignern, Ingenieuren und Künstlern den Computer als Bildproduzenten ein.

Ein Computer malt ein Bild und erstmals wird das Gemälde von einem großen Auktionshaus versteigert. Und sofort lautete die Frage weltweit: Sind Computer bald auch Meistermaler?

Künstliche Intelligenz hat zur Zeit Hochkonjunktur und damit auch vollmundige Ankündigungen.

Dabei ist die Geschichte der Künstlichen Intelligenz eine Geschichte von grotesk überzogenen Erwartungen. Wer meinen Blogpost  Noch 30 Jahre bis 2045 | Singularity-Was bleibt vom Menschen?  gelesen hat, weiß, das ich diesen großspurigen Prognosen skeptisch gegenüberstehe.


Albert Serra hat erstmalig das Thema Singularity als Teilaspekt des Komplexes Künstliche Intelligenz künstlerisch bearbeitet. SINGULARITY | Ein Kunstprojekt von Albert Serra kuratiert von Chus Martinez und produziert vom Institut Ramon Llull | Catalonia in Venice at LA BIENNALE DI VENEZIA | 56th International Art Exhibition | Eventi Collaterali  



Künstliche und künstlerische Intelligenz


Künstliche Intelligenz (KI) löst bei einigen Menschen noch immer Unbehagen aus. Was genau ist das? Was gehört dazu? Wird der Mensch von der Maschine abgelöst?

Für Malerfürsten wie Markus Lüpertz ist das Vordringen von KI in die Malerei ein Frevel.

"Wenn die Maschine anfängt zu denken, ist sie in meiner Welt ein Feind, der den Gottesfunken menschlichen Genies erstickt." (1)

Viele jüngere Künstler dagegen, die mit Apple und Microsoft sozialisiert wurden, haben keinerlei Berührungsängste mit den wachsenden digitalen Möglichkeiten. Sie beziehen die Algorithmen quasi als selbstverständliches Tool in ihre Arbeit mit ein. Einige betrachten Kollege Roboter sogar als ihre Muse zur Steigerung der eigenen Kreativität.

Kreativität gilt immer noch als zentrale Eigenschaft des Menschen. Doch schon heute bringt die Anwendung von KI neue Musik oder Bilder hervor. Sind solche Erzeugnisse wirklich kreativ, eine innovative, transformative Neuentwicklung? Auf jeden Fall dringt die KI immer mehr in den Bereich der Kunst ein. Dabei entsteht eine Reihe von Fragen. Zum Beispiel:

Wird der Mensch durch die KI in Zukunft obsolet oder nicht? Wird Künstliche Intelligenz die menschliche Fähigkeit zur Kreativität ersetzen oder gar überflügeln können?

Kann Kreativität künstlich in Systemen modelliert werden und gibt es bereits Beispiele existierender künstlicher kreativer Systeme?  

Portrait of Edmond De Belamy ist der Name eines Werkes, das von einer künstlichen Intelligenz hergestellt wurde. Es ist das erste dieser Art, das von einem großen Kunsthaus versteigert wurde. Hinter dem Gemälde steht das Kollektiv Obvious von Hugo Caselles-Dupré, Pierre Fautrel und Gauthier Vernier. Quelle Foto: Wikipedia, gemeinfrei

Ist eine Maschine in der Lage, künstlerisch zu denken?

Fraglich ist, ob Algorithmen jemals in der Lage sein werden, wirklich Neues unter Einbeziehung der Reflexion des Zeitgeistes, der sozialen und gesellschaftlichen Umstände und Denkweisen und auch unterbewusster Ebenen zu produzieren. Das ist das, was Künstler oder Kunst eigentlich auszeichnet. Kurzum: Ist eine Maschine in der Lage, künstlerisch zu denken?

Die Anzahl der selbst lernenden Roboter wird in allen Bereichen weiter wachsen. Auch in der Malerei spielt die KI eine immer größere Rolle. Wie sie dabei mit Menschen interagiert, ist von enormer Bedeutung. Wie eingangs erwähnt, stelle ich in drei Posts Beispiele vor, die die Rolle von KI in der Malerei beschreiben.


Beispiel 1: Ai-Da malt | Humanoide Robotergestalt mit eigener Website und Galeristen

Autonome Kunstwerke nur durch Roboter ohne menschliche Eingriffe aber mit Algorithmenvorgabe.


Als neue Kombination von menschlichem Äußerem und Künstlicher Intelligenz hat die britische Firma Engineered Arts den Roboter Ai-Da 2019 fertig entwickelt und der Öffentlichkeit vorgestellt. Als bewusst humanoid gestalteter Roboter ist sein Korpus mit einer auf 3D gedruckten Haut aus Silikon bedeckt. Das Gesicht ist mit Augen, Zähnen und Zahnfleisch sowie Haaren nach der Art von realitätsnahen Wachsfiguren individuell gestaltet.  

Der Malroboter AI-DA, Quelle: Wikipedia, CC BY-SA 4.0


Wissenschaftler der Universität Oxford entwickelten für Ai-Da die KI-Algorithmen, und KI-Ingenieure der Leeds University steuerten ihren Roboterarm bei. Der Arm verfügt über einen Zeichnungsalgorithmus, der es ermöglicht, digitale Informationen in eine physikalische Realität umzusetzen.


Wie funktioniert der Malroboter?


Das Ganze funktioniert so, dass Ai-Da Informationen durch seine Augen aufnimmt, die er dann verarbeitet und über seinen Roboterarm mit einem Stift in der Hand auf eine Leinwand zeichnend, in künstlerisch anmutende Zeichnungen umsetzt.

Weitere Algorithmen erzeugen Pixelkoordinaten. Die Produktionsfähigkeiten von Ai-Da werden durch eine bunte inhaltliche Mischung von konstruierten künstlichen neuronalen Netzen erzeugt. In sein System werden Werke und Stilelemente von so unterschiedlichen Künstlern wie Pablo Picasso, Käthe Kollwitz und Max Beckmann eingespeist. Um einen gewissen zeitgeistlichen Hintergrund zu schaffen, kommen noch Elemente der Literatur der Schriftsteller Aldous Huxley und George Orwell hinzu. Zu guter Letzt wird das künstliche neuronale Netzsystem mit Algorithmen gefüttert, die die Produktion in der Art abstrakter Kunstwerke ermöglicht. Auf diese Weise schafft es der Malroboter Ai-Da Portraits von Computerpionieren wie Alan Turing oder Ada Lovelace, eine britische Mathematikerin und Namensgeberin des Roboters - oder abstrakte konstruktivistische Zeichnungen zu erstellen.

Das folgende Youtube Video zeigt sehr gut die Arbeitsweise von AI-DA.

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Was wird mit dem Projekt AI-DA beabsichtigt?


Inhaltlich und wirtschaftlich wird AI-DA vom britischen Galeristen Aidan Meller gepowert. Zusammen mit den bereits erwähnten Universitäten und Ingenieursfirmen entwickelte er das Projekt.

Die ersten Werke von AI-DA wurden folgerichtig auch in einer großen Ausstellung unter dem Titel Unsecured Futures an der Oxford University am 12.Juni 2019 gezeigt.

Aidan Meller will nach eigener Aussage mit der öffentlichkeitswirksamen Präsentation von Ai-Da eine Diskussion über die notwendige Entwicklung einer Ethik über Entwicklung und Einsatz von KI-Technologie in der Kunst in den kommenden Jahren eröffnen.

"Wir brauchen eine neue Stimme, um die KI und ihre Auswirkungen zu diskutieren. Je mehr ich mich mit diesem Projekt befasst habe, desto besser habe ich die Aspekte und Auswirkungen verstanden." (2)

Er möchte auch die Beantwortung der ewigen Frage, ob der Mensch durch die KI in Zukunft obsolet wird vorantreiben. Wo bleibt der menschliche Künstler? Wenn es nach Meller geht, wird die humanoide Robotergestalt Ai-Da diesen Diskurs maßgeblich beeinflussen. Ai-Da absolviert deshalb auch neben seinen künstlerischen Aktivitäten TED Talks vor großem Publikum.

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Fazit AI-DA: Autonome Kunstwerke nur durch Roboter ohne menschliche Eingriffe aber mit Algorithmenvorgabe.


Mit dem Malroboter AI-DA haben Meller, die Informatiker und Ingenieure im wahrsten Sinne des Wortes eine Kunstfigur geschaffen, die im Produktionsprozess selbständig ohne direkte Mitarbeit und Weiterbearbeitung durch den Menschen maschinell künstlerisch kreativ ist. Allerdings ist sie dies ausschließlich auf Basis der digitalen Eingabedaten in Verbindung mit der Verarbeitung der über die Kameraaugen aufgenommenen und gescannten Rauminformationen. Im Abgleich mit der Programmierung entsprechen die Ausgabedaten daher nicht immer und unbedingt den Eingabedaten. Es entsteht ein Interpretationskorridor. Aber ist das Kunst, was die Algorithmen da mit Hilfe einer feinen Mechanik erzeugen? Und wo beginnt Kreativität? Solche Fragen stellen sich zunehmend auch Künstler in aller Welt, die sie dann aber ganz anders als AI-DA beantworten.

Und damit komme ich zu den weiteren Beispielen, die ich Euch in der Fortsetzung meiner Miniserie vorstellen möchte.  

 
Mein nächster Post mit Beispiel 2 zeigt eine andere Version des Robotic Painting: Der Roboter arbeitet mit mir, nicht für mich.


Aktueller Hinweis: Roboter Sophia macht AI-DA Konkurrenz am Markt


Als aktuellen Hinweis möchte ich noch das teure Selbstportrait einer Maschine erwähnen.

Ein vom menschenähnlichen Roboter Sophia gemaltes Selbstporträt ist im März 2021 für fast 700. 000 Dollar versteigert worden. Sophia ist im Gegensatz zu AI-DA kein reiner Malroboter. Dennoch tritt Sophia als Konkurrent am Markt auf. Sophia wurde 2016 von der Firma Hanson Robotics vorgestellt und war in den vergangenen Jahren auf diversen Konferenzen zu sehen.


Roboter Sophia von Hanson Robotics, Quelle: Wikipedia CC BY 2.0


Weiterführende Links zu AI-DA:


Original-Website von AI-DA mit Beispielen seiner Werke, unterteilt in Paintings, drawings, Performance uns Sculpture in englischer Sprache

Über die Ausstellung Unsecured Futures an der Oxford University in englischer Sprache

Aus dem dezeen-Magazin in englischer Sprache: AI robot Ai-Da presents her original artworks inUniversity of Oxford exhibition

Original-Website von Aidan Meller, dem Projektinitiator und Galeristen von AI-DA in englischer Sprache

Zitatquellen:

(1) DW Deutsche Welle Videobeitrag Malen nach Zahlen - Kann KI Kunst?

(2)Aidan Meller, Interview auf arte im Video Ai-Da, ein Roboter als Künstler, 2019 

Sämtliche Fotos, wenn nicht anders gekennzeichnet, Fred Tille.


Sonntag, 3. Januar 2021

Wir begrüßen das 21. Jahrhundert!

 ZeitBild | Nr.5


Wir begrüßen das 21. Jahrhundert!

ZeitBild | Nr.5
Fred Tille | 90x120cm
Mischtechnik auf Lwd. | 2001


Von The Decade From Hell zur globalen Corona-Pandemie


2021. Der Beginn des 21. Jahres im 21. Jahrhundert. Anlass für mich mein Bild Wir begrüßen das 21. Jahrhundert! vorzustellen.

Das TIME Magazin beschreibt Ende 2009 das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts mit The Decade From Hell. (1) Als Beispiele werden der Anschlag auf das World Trade Center am 11.09.2001, die Kriege in Afghanistan und im Irak und die globalen Auswirkungen der Pleite der Lehmann-Brothers angeführt. Zwischenzeitlich haben wir die Atomkatastrophe von Fukushima, die Zunahme der Umweltzerstörung und die Auswirkungen des Klimawandels erlebt. 

Den Beginn der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts nahmen Anfang des Jahres 2020 viele Medien, Autoren und Wissenschaftler zum Anlass, um mehr oder weniger fundierte Prognosen für die Zeit bis 2030 zu stellen. Würde es eine Dekade des Umbruchs werden? Gemeinsam war allen Einschätzungen, dass die Veränderungen im kommenden Jahrzehnt die Welt wohl stärker verändern werden als je zuvor. Einige Trends ließen sich durch Prolongierung der Gegenwart relativ sicher vorhersehen, andere nur erahnen.

Was wohl keiner vorausahnen konnte: 2020 war das Jahr der Pandemie. Es war das Jahr, in dem in den USA ein Präsident abgewählt wurde, der die Werte der westlichen Demokratie auf eine harte Probe gestellt hatte. Es war das Jahr, in dem die Klimakatastrophe näher rückte und in dem die Weltgemeinschaft mehr denn je in Interessengruppen aufgespalten war und es nicht schaffte, eine gemeinsame Linie zu finden. Weltweit war der Nationalismus auf dem Vormarsch und mit ihm Populismus und Autokratie.


So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen!


Ein einziger Lichtblick ist zu erkennen. Die Fridays for Future Bewegung als Widerstand der jungen Generation gegen die fortschreitenden selbstzerstörerischen Entwicklungen der Gegenwart. Sie fordert von der Politik die Bewältigung der Klimakrise als Hauptaufgabe des 21. Jahrhunderts zu betrachten und entsprechend zu handeln. Man braucht kein Anhänger derjenigen zu sein, die glauben morgen würde die Welt untergehen, um festzustellen: Es steht nicht gut um die Zukunft unseres Planeten.  

Und dann legte sich weltweit über dieses ohnehin düstere Szenario der lange Schatten der Pandemie. Aber über diesen Schatten legt sich Anfang 2021 doch der Hoffnungsschimmer die Pandemie besiegen zu können.


Bilder aus der Zeit um 5 nach 12


Von den erwähnten zukunftsbedrohenden Tendenzen lassen sich natürlich auch Künstler beeinflussen; vor allem diejenigen, die in ihr Werk gesellschaftspolitische Positionen miteinbeziehen.  

Zeitgenössische Künstler wie z.B. Santiago Sierra (No, Global Tour), Michelangelo Pistoletto (Arte Povera) und Helmut Schweizer ( Zu Deutschlandschaft 2) (2) spiegeln in ihren Werken zerstückelte, zerbrochene, zerstörte Welten wieder. 

Auch mich interessiert die Frage, wie kann sich der Künstler, der ja Teil dieser Entwicklungen ist, diesen existentiellen Herausforderungen sinnvoll nähern? Hierzu möchte ich euch die Lektüre meines Posts Vorher, Dabei, Nachher empfehlen.

Das Bild Wir begrüßen das 21. Jahrhundert! habe ich 2001 gemalt. Sicherlich gingen in die gestalterische Mischung auch damalige Elemente des gesellschaftlicher Zeitgeistes ein. Als ich an diesem Bild arbeitete, hatte ich mich zuvor intensiv mit den Kriegen in Afghanistan und mit den globalen Auswirkungen des westlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems befasst.

Tief greifende gesellschaftliche und ökologische Umwälzungen sind künstlerisch nicht wirklich adäquat darstellbar. Die Welt kann durch die Kunst allein nicht zum Besseren verändert werden, aber die Kunst kann Zeichen setzen und Mahnungen aussprechen. 

Weiterführende Links und Quellenangaben:


By Ruth Marcus

Ein Kommentar der Washington Post mit Bezug auf den Artikel in der Times

(2) Die kommerzielle Seite von artnet habe ich nur verlinkt, um das Beispielbild zeigen zu können.

      

Foto: Fred Tille


Samstag, 28. November 2020

Bisky geht an die Decke! Teil 2

Reichlich verspätet kommt hier die Fortsetzung meines Posts Bisky geht an die Decke!

Im ersten Teil hatte ich davon berichtet wie stark Bisky von den alten Meistern und speziell von den italienischen Manieristen insbesondere von Tintoretto inspiriert wurde.

Als in Venedig 2018 zum 500. Geburtstag des Malers Jacopo Tintoretto zwei große Ausstellungen stattfanden, war klar, dass Bisky einen seiner künstlerischen Favoriten besuchen würde.


Bisky trifft Tintoretto in Venedig


Bisky und Tintoretto haben als Künstler viele Gemeinsamkeiten. Auch Tintoretto lebte in einer Zeit, in der die Welt aus den Fugen geraten war. Die Pest zog durch Europa, Rom wurde von protestantischen Truppen geplündert und die Macht der Republik Venedig begann zu verblassen. Es war eine Welt der Umbrüche, der Auflösung, der zerfallenden Gewissheiten. Wie in einem Spiegel werfen Tintorettos ungebändigte und unruhigen Bilder die religiösen und politischen Stürme dieser Zeit zurück. Er schuf eine aus den Fugen geratene Bilderwelt.  

So hat z.B. Tintorettos Abendmahl von 1594 nichts mit dem geordneten Bildaufbau und den ruhig agierenden Personen der Abendmahldarstellung von Leonardo da Vinci gemeinsam.

Abendmahldarstellung von Leonardo da Vinci 1494-1498
Quelle Foto: Wikipedia, gemeinfrei

Stattdessen finden wir bei Tintoretto ein für die vorherrschende Malerei der damaligen Zeit ungewöhnliches Chaos und Konfusion vor. Der komplizierte Bildaufbau, die rätselhaft - düstere Farbgebung, die heftigen Bewegungen der Figuren mit ihren verdrehten Körpern - all das bricht mit den herkömmlichen Abendmahls-Darstellungen: unbekümmert, herausfordernd, radikal.


Tintorettos Abendmahl von 1594,
Quelle Foto: Wikipedia, gemeinfrei

Bilder antworten auf Bilder – Vergleiche und Assoziationen


Auch Bisky bevorzugt in seiner Malerei chaotische und unruhige Darstellungsformen. Auf großformatigen Leinwänden sieht man oftmals immer noch strahlende Jünglinge, die zu seinem Markenzeichen geworden sind. Aber sie tummeln sich nicht mehr im Paradies, sie werfen Steine. 

Sie sind vermummt wie die Demonstranten beim G20-Gipfel. Sie fallen aus dem Himmel zwischen Palmenzweige, lichterloh brennende Luxushochhäuser und taumelnden Hubschraubern in Rio de Janeiro. Diese bunte, farbenfrohe Welt brennt. Bei Bisky ist die Apokalypse bunt. 

Vergleicht man das Figurenszenario in Biskys Deckeninstallation mit Tintorettos innovativen, extravaganten und hochdramatischen Bildkompositionen, stellen sich sofort Assoziationen ein. Auch Bisky zeigt in seiner Deckeninstallation eine Welt aus den Fugen.

Tintorettos Abendmahl im Vergleich zu Biskys Figurenszenario


Stürzende Menschen aus blauem Himmel bei Tintoretto.
Tintorettos Wunder des Sklaven von 1548,
Quelle Foto: Wikipedia, gemeinfrei


Stürzende Menschen aus blauem Himmel bei Bisky.
Big Trilemma, 2017, Ausstellungsansicht aus Trilemma

Mein Bildervergleich bedeutet natürlich nicht, dass Bisky quasi eins zu eins Kompositionen von Tintoretto für seine Malerei übernimmt. Er weist vielmehr daraufhin, dass Bisky nach eigener Aussage in seiner künstlerischen Tätigkeit auch aus dem Fundus der Kunstgeschichte schöpft:

"Wenn ich mit Pinsel und Ölfarbe vor der Leinwand stehe, beziehe ich mich einfach auf eine viele Jahrhunderte alte Kulturtradition." (1)


Biskys Deckeninstallation in der Matthäus-Kirche

An dieser Stelle möchte ich nun überleiten zu Biskys Deckeninstallation in der Matthäus-Kirche.

„Ich denke viel nach über die Präsentation von moderner Malerei als Deckenbilder. Gerade weil das so aus der Zeit gefallen scheint“,  

 erklärt Bisky und weiter:

„Ich bin gerne in Kirchen, Moscheen, Synagogen. Da komme ich zur Ruhe, zum Nachdenken über die Welt. Unlängst war ich in Venedig, die Deckenbilder in Kirchen und Palazzi gehen mir nicht aus dem Kopf.“ (2)

Gerade in Venedig schuf Tintoretto über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten zahlreiche Wand- und Deckengemälde auch für den Dogenpalast.

Vielleicht hatte Bisky auch diese Wand- und Deckengemälde in Venedigs Dogenpalast vor Augen, als er für die Berliner Schau mit dem Titel Pompa eine Deckenpräsentation konzipierte. 

Oben: Deckenmalereien im Saal des Großen Rates. Mit 54 Metern Länge der größte Saal des Dogenpalastes. Die hintere Wand wird in voller Breite von Tintorettos Bild Das Paradies eingenommen. Auf diesem Foto nicht zu sehen.
Unten: Ausschnitt aus Deckenpräsentation Pompa

In der Matthäus-Kirche hat der Maler seine Arbeiten unter der etwa zwölf Meter hohen Decke montiert. Die Werke beginnen in der Zeit nach der Wende. Unterteilt durch die Deckenstreben der Sakralarchitektur wird ausgehend von der Stunde Null über die Euphorie der Aufbruchszeit bis hin zu den Verunsicherungen der Jetztzeit eine lineare Geschichte erzählt. 
Migration, Umweltzerstörung, Terror sind die Themen. Die Bilder umfassen den Zeitraum von 2002-2019

Zwischen Fernglas und Spiegelkabinett - Tücken der Präsentation


In der Renaissance, der Blütezeit der Deckenmalerei, wurden in der Regel die Malerei und deren Inhalte nach einem einheitlichen Grundentwurf ausgeführt. Auf gewölbten und architektonisch strukturierten Deckenflächen entstanden phantastische Welten, die den Betrachter mit Staunen und Andacht erfüllen sollten. Die raumabschließende Wirkung der realen Decke schien aufgehoben, und der Blick des Betrachters wurde auf einen illusionistischen Raum jenseits der Decke gezogen.  

Diese damit verbundene Konstruktion eines perfekten illusionistischen Bildraums gelingt Bisky mit seiner Deckeninstallation nicht. Das war auch nicht beabsichtigt. Obwohl die Bilder von der starken Farbgebung und Motivwahl her für eine Deckenkonstruktion geeignet erscheinen, hängen sie zu hoch. Einzelheiten und Feinheiten sind leider nur sehr schwer erkennbar. Ein ausgelegtes Fernglas und Spiegel im Boden und im Raum sollen diese Distanz überwinden. Die Spiegelung am Boden ist zwar hilfreich, trennt aber quasi als Sekundärblick von der Unmittelbarkeit der Wahrnehmung der Deckenpräsentation.  

Oben: Spiegeltisch vor den Sitzreihen.
Unten: Begehbarer Spiegel im Boden


Außerdem ist für den Betrachter der Blick zur Decke unbequem und er läuft Gefahr, einen Drehschwindel im Kopf zu bekommen. Auch beim Begehen des großen Spiegels am Boden entsteht die Illusion einer schwindelerregenden Tiefe.

Die Deckeninstallation geht leider zu Lasten der Wirkung der Bilder. Deren Betrachtung ist so oder so insgesamt etwas unbequem. Aber die Bilder von Bisky sind ja schließlich auch unbequem. Und das wiederum ist auch gut so.

Bisky mit Besucherin des Künstlergesprächs am 23.01.2020


Quellen:

(1) Zitiert aus dem Katalog Norbert Bisky-Zentrifuge, Hatje/Cantz Verlag 2014, S.77

(2) Zitiert aus meinem Gedächtnisprotokoll und meinen Aufzeichnungen vom Künstlergespräch mit Norbert Bisky am 23. Januar 2020 in der Matthäus-Kirche.

Weiterführende Links:

Tintoretto: Leben und Werk bei Wikipedia

500. Geburtstag des Malers Jacopo Tintoretto. Zu den Ausstellungen in Venedig. Gemälde wie ein Kinofilm von Henning Klüver, Stuttgarter Zeitung vom 21. Oktober 2018  

Über die Ausstellung Norbert Bisky-Zentrifuge, Kunsthalle Rostock

Norbert Bisky-Zentrifuge, Website von Kunst und Film


Sämtliche Fotos, wenn nicht anders gekennzeichnet, Fred Tille.

Obwohl meine Fotos nur allgemeine Ausstellungsansichten und keine expliziten, detaillierten Werkfotos zeigen, bitte ich die Urheberrechte des Künstlers, Norbert Bisky, an seinen Werken zu beachten.