Privater Kunstblog zum Thema:

Künstlerisches Handeln in Zeiten globaler Umbrüche


Die Welt von heute scheint aus den Fugen geraten. Sie ist durch große Unsicherheit, Unübersichtlichkeit und Fragilität, Krieg und Flucht, Terror und Gewalt geprägt. Damit ist die Entwicklung unserer zukünftigen Lebenswelten wieder zu einem bedeutsamen Schwerpunkt in der Kunst geworden. Auch die Erkenntnisse und Prognosen der Techniksoziologie und der Zukunftsphilosophie werden zunehmend als Gegenstand der Kunst entdeckt. Die bildende Kunst, das Theater, die Literatur und der Film reagieren darauf auf unterschiedliche Art und Weise. Mich beschäftigt die Frage, wie kann sich der Künstler, der ja Teil dieser Entwicklungen ist, den sich daraus ergebenden existentiellen Herausforderungen sinnvoll nähern? In diesem Zusammenhang möchte ich meine Bilder aus der Zeit um 5 nach 12 in lockerer Folge vorstellen. Texte zu den globalen Auswirkungen des westlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems ergänzen diese bildlichen Darstellungen. Über Reaktionen von Künstlern, die einen ähnlichen Ansatz verfolgen, würde ich mich freuen.


SpotLights Berlin

Sonntag, 24. April 2016

Jack the Dripper | Jackson Pollock in Berlin

"Jackson Pollocks Werk »Mural« ist nicht nur ein herausragendes Bild, es ist auch bahnbrechend für die Entwicklung der Kunst der amerikanischen Moderne. Mitten im vom Zweiten Weltkrieg traumatisierten 20. Jahrhundert erschien Pollocks monumentales Wandgemälde wie ein Tor, durch das der Abstrakte Expressionismus Einzug hielt." (1)
Vom 25. November 2015 bis zum 10. April 2016 präsentierte die KunstHalle by Deutsche Bank unter dem Titel Jackson Pollock´s Mural, Energy Made Visible Pollocks monumentales Wandgemälde.



2,5 Meter mal 6,0 Meter Malerei für Peggy Guggenheim


Ohne den spektakulären Auftrag von Peggy Guggenheim das Entree zu ihrer neuen Wohnung in Manhattan mit einem Wandgemälde zu versehen, gäbe es kein Mural und möglicherweise wäre die gesamte amerikanische Kunstszene eine andere geworden.

Die als etwas exzentrisch geltende Sammlerin, die nach der Besetzung von Paris durch die Nazis in die USA zurückgekehrt war, hatte sich in den Kopf gesetzt, der amerikanischen Malerei eine neue Richtung mit mehr Drive zu geben. Der junge Pollock, damals ein noch unbekannter Maler, erschien ihr da als der richtige Mann. Und Pollock nutzte die einmalige Chance, die sich ihm bot.



Wenn der Malpinsel zum Schlaginstrument wird


Im Sommer 1943 machte er sich an die Umsetzung von Mural auf der größten Leinwand, die Pollock jemals bearbeitet hatte. Er wagte den großen Wurf.

Pollock machte Schluss mit der Begrenzung des Bildes durch einen Rahmen. Er holte es von der Staffelei auf den Boden und er malte mit vollem Körpereinsatz. Den kassischen Malpinsel nutzte er-wenn überhaupt- nur noch als Schlaginstrument für den kraftvollen Farbauftrag. Für Pollock wurde die Leinwand zu einem vitalen Kraftfeld. So radikal im künstlerischen Zugriff war keiner vor ihm gewesen. Es kam einer Revolution in der Malerei gleich und Mural wurde zur Geburtsstunde des Action Paintings und des bedeutendsten Künstlers der USA. Sein Werk wurde zum Fanal des Abstrakten Expressionismus. Auf der riesigen Fläche von Mural fand Pollock künstlerisch zu sich selbst, zur großen Geste und zur explosiven Kraft seiner Drip Paintings, mit denen er 1947 begann. Bald nannte man ihn Jack the Dripper.

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Jackson Pollock’s Mural: Energy Made Visible


Jackson Pollock’s Mural: Energy Made Visible lautete der Titel der Ausstellung in Berlin.
"Im Zentrum von »Mural« steht Pollocks Absicht, Energie und Bewegung sichtbar zu machen und eigene mentale Bildvorstellungen abzubilden. Der 1912 in Wyoming geborene Künstler war inspiriert vom weiten offenen Raum des Westens, den ungebändigten Kräften der Natur und der vitalen Ursprünglichkeit Amerikas als Gegenbild zur raffinierten europäischen Kultur. »Jackson Pollock’s Mural: Energy Made Visible« dokumentiert, warum dieses Bild die Kunstgeschichte revolutioniert hat." (2)

In Mural entfalten sich hier erstmals in radikaler Freiheit die halb-abstrakten Figurationen. Wie Flammen flackern die Formen auf, die Pollock zuvor an vielen Kleinformaten erprobt hatte. 



Mural | Tanz der Kreaturen


Die Kreaturen, die länglichen schwarzen Figuren, eine Art Dämonen, Irrwische, Vogelköpfe, Schlangenleiber und bizarre Augengewächse tanzen, wirbeln schlingernd durcheinander. Über sie legen sich grünliche Zeichen, die ihren eigenen Tanz aufführen. Das Ganze vermengt sich zum all-over-painting. Die Farbe ist noch gezähmt und trotz aller Wildheit zeigt sich deutlich, dass die bemalte Fläche eine vom Maler komponierte und durchaus kontrollierte Show ist.

Mural Detailansicht


Muralismo, Totems und Picasso


Auf der Suche nach Inspirationsquellen wandten sich die Abstrakten Expressionisten verschiedenenen Quellen zu.
Pollock´s monumentales Mural vereint in sich völlig neue, divergente Einflüsse des mexikanischen Muralismo von Diego Rivera, der Bildsprache der Ureinwohner Nordamerikas, des Schaffens Picassos – insbesondere aus der Periode seines Werks »Guernica« (1937) – und der Reportagefotografie der Kriegsjahre.

Eine aufschlussreiche ergänzende Präsentation weiterer zentraler Werke 
Pollock´s zeigte in Berlin die Vorgeschichte, Inspirationsquellen und Nachwirkungen seines künstlerischen Schaffens.

So führte die Schau vor wie Pollock vor Mural an viel kleineren Formaten arbeitete. Figürlich wie man am weißen Strichmännchen Icarus oder an Bird Effort sehen kann.

Links: Icarus-Rechts: Bird Effort

In den Jahren 1935 bis 1938 entstanden die kleinformatigen Panels A-D auf Hartfaserplatten. Ein strenger, abstrakter Pollock in Minigröße und durchaus ein Vorläuferentwurf für das spätere Mural.  

Jackson Pollock, Untitled Panels A-D, ca. 1934-38

Einflussreich war auch Pollocks Interesse an der Action Photography, die er in einer Fotoausstellung, die 1943 im MoMA lief, kennenlernte, als er gerade an Mural arbeitete. Hier war es insbesondere das Prinzip von Reihung und Rhythmus, das ihn faszinierte und das in Mural als Basiselement wiederzufinden ist.

Hervorzuheben sind dabei auch noch die Fotografien von Herbert Matter, Barbara Morgan und Gjon Mili, die eine große Inspirationsquelle für Jackson Pollocks Vorstellungen von der malerischen Darstellung menschlicher Energie darstellten.

Action Photography-Ausstellungsansicht

Gijon Mili, Alfred Hitchcock during the filming of "Shadow of a Doubt", 1943

Eine Auswahl von Arbeiten von Künstlern, die ihm nahe standen oder von Künstlern, die in der Folgezeit auf sein künstlerisches Vermächtnis reagierten, wurde in der Berliner Ausstellung ebenfalls gezeigt.
Lee Krasner und Robert Motherwell sowie Andy Warhol und David Reed seien hier besonders erwähnt.

Oben links: Robert Motherwell, Elegy to the Spanish Republic, No. 126, 1965-1975-Unten links: Lee Krasner, Another Storm, 1963-oben rechts: David Reed, #600-3,-Unten rechts: Andy Warhol, Yarn Painting, 1983

Der Anfang am Ende


Zweiter Weltkrieg, Judenverfolgung und die Verdammung der modernen Kunst durch die Nationalsozialisten als Entartete Kunst führten zu einer Immigrationswelle europäischer Künstler in die USA. Sie übten dadurch starken Einfluss auf zeitgenössische amerikanische Künstler aus.
Dabei handelt es sich weniger um eine Stilrichtung als ein Konzept, Kunst in spontaner Weise und ohne die Beschränkung durch herkömmliche Formen auszuführen. Die surrealistische Haltung als eine Voraussetzung freien Schaffens hatte einen bedeutenden Einfluss auf die Anfänge des Abstrakten Expressionismus. Zu den führenden Kräften der Bewegung zählten Jackson Pollock, Willem de Kooning und Mark Rothko. Diese Generation der Künstler ist von einer tiefen Skepsis gegenüber zweifelhaften Auswüchsen des Fortschritts geprägt, vor allem durch die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima und Nagasaki im Sommer 1945 und die Gefahr einer aus dem Gleichgewicht geratenen Wissenschaft im Allgemeinen.

"Ich selbst hatte in jener Zeit, um ´41 herum, das Gefühl, die Welt nähere sich ihrem Ende. Und wenn die Welt zu Ende ging, spielte die Malerei...keine Rolle mehr", erinnerte sich Barnett Newman später in einem Interview.
Doch weder die Welt noch die Kunst gingen zu Ende. Ganz im Gegenteil. Die Künstler des Abstrakten Amerikanischen Expressionismus verarbeiteten zeitweise in ihren Werken die Traumatisierungen des 20. Jahrhunderts und eines ist klar: Jackson Pollock revolutionierte damals auch in seinen künstlerischen Reaktionen auf die verheerenden Umwälzungen jener Zeit die gesamte Kunstwelt und beeinflusst Künstler bis heute.  

Blicke in die Ausstellung
Pollock vor Mural


Jackson Pollock


Paul Jackson Pollock (* 28. Januar 1912 in Cody, Wyoming; † 11. August 1956 in Springs-East Hampton, New York)

Pollock wurde bekannt mit der von ihm begründeten Stilrichtung des Action Painting. Seine im Drip-Painting-Verfahren angefertigten großformatigen Werke brachten ihm bereits zu Lebzeiten den Spitznamen „Jack the Dripper“ ein.

Pollock war mit der Malerin Lee Krasner verheiratet, mit der er eine Ateliergemeinschaft hatte.

Von 1929 bis 1931 studierte er an der Art Students League in New York

Von 1930 bis 1935 folgten Reisen und Aufenthalte in den Weststaaten und gelegentliche Besuche bei den Navahoindianern in New Mexico

Pollock studierte von 1925 bis 1927 Kunst an der Manual Arts High School in Los Angeles und arbeitete in den Jahren 1927 bis 1929 als Landvermesser in Kalifornien. Er heiratete Lee Krasner im Oktober 1945.

Für die amerikanische Bevölkerung wurde er 1949 durch einen vierseitigen Bericht im Magazin Life zum bekanntesten jungen Maler. Man begann, ihn im beginnenden Kalten Krieg als Botschafter des wilden, ungezügelten, demokratisch-freiheitlichen Amerika zu vermarkten.

Pollock gehörte 1950 zu den drei Künstlern, die zur Biennale nach Venedig entsandt wurden.
Wenig später kamen allerdings sein Alkoholismus und seine psychischen Probleme erneut zum Ausbruch, die eine permanente Arbeitsblockade hervorriefen.

1956 verursachte Pollock unter Alkoholeinfluss einen schweren Autounfall mit seinem Cabrio, den er nicht überlebte. (3)

KunstHalle by Deutsche Bank Berlin-Unter den Linden/Friedrichstrasse

Quellen:

(1) Begleitbroschüre zur Ausstellung by KunstHalle Deutsche Bank Berlin
(2) Ebd.
(3) Wikipedia

Weiterführende Links:




Sämtliche Fotos: Fred Tille

Obwohl meine Fotos im Rahmen der tagesaktuellen Berichterstattung nur allgemeine Ausstellungsansichten ohne explizite, detaillierte Werkfototos zeigen, bitte ich die Urheberrechte der Künstler bzw. deren rechtlichen Vertretungen an den Werken zu beachten.

Für die Bilder von Jackson Pollock:
© Pollock-Krasner Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Für die Bilder anderer Künstler:
© Nachweise s. Flyer zur Ausstellung

Courtesy of KunstHalle by Deutsche Bank | Berlin

Pollokmania | Gitarre "Jackson Pollock" - Waterstone Guitars Nashville im ArtStore der KunstHalle


Samstag, 13. Februar 2016

It’s Only Rock ’n’ Roll | Anton Corbijn in Berlin

Anton Corbijn ist der Fotograf, dem die Stars des Rock und Pop vertrauen. Ob Mick Jagger, Frank Sinatra, Johnny Cash, U2, Nirvana, Nick Cave, Tom Waits, Metallica, Johnny Rotten, Depeche Mode oder Herbert Grönemeyer - er hatte sie alle vor seiner Kamera. Dabei bürstet er das Image der Rockstars, die er am liebsten ablichtet, kräftig gegen den Strich. Seine meist körnigen Schwarzweißbilder von Rockmusikern zeigen Kratzer an der Oberfläche, die Bildausschnitte wirken zufällig, die Komposition und Farbgebung unperfekt. Bewusst und mit voller Absicht verweigert sich der Fotograf formal und inhaltlich der Versuchung nur den üblichen Glamourfaktor abzubilden. Corbijn kann mit den Stars machen, was er will. Die Fotos sind die Stars. 

Das Plakat im Eingangsbereich der Ausstellung zeigt den jungen Corbijn. Das eigene junge Gesicht ist dabei malerisch von einem schwarzen Rahmen umgeben, der wie mit Tusche gemalt zu sein scheint. Der Schriftzug Anton hinter seinem Kopf ist halb durchgestrichen. Das Ganze wirkt wie eine Geste ins Ungewisse und eher wie Malerei als Fotografie.


Zum 60. Geburtstag von Anton Corbijn widmete das C/O Berlin dem Fotografen eine große Retrospektive. Mit 500 Fotografien zeigt die Ausstellung seine Entwicklung vom autodidaktischen Beginn zu einem der einflussreichsten Fotografen der Gegenwart.
Die Ausstellung bestand aus zwei Teilen: Hollands Deep bietet einen Überblick über sein gesamtes Werk der vergangenen 40 Jahre.
1-2-3-4 präsentiert seine Arbeiten aus der Musikwelt. Porträts und ganze Band-Studien entfalten sich hier.

Corbijn ist in seinem künstlerischen Auftritt zurückhaltend. Die Ausstellungsarchitektur wirkt angenehm sachlich und bewusst unterkühlt. Umso mehr Fotografien hängen eng neben - und übereinander. In 40 Jahren Schaffen kommt so einiges zusammen. Gut für den Besucher, denn er bekommt im wahrsten Sinne des Wortes wirklich etwas zu sehen.



Ich habe mir die Ausstellung angesehen und war sehr beeindruckt von der Authentizität der Künstlerportraits. Den grobkörnigen Bildern merkt man an, dass der Fotograf eine enge menschliche Beziehung zu den Portraitierten hatte. Die Fotografien von Musikern, Künstlern und kulturellen Ikonen sind immer Bilder, die unter die Oberfläche gehen. >Ich habe immer nach der inneren Schönheit und innerem Kampf gesucht <. So umschreibt Corbijn seine fotografische Herangehensweise und Ästhetik. Und genau dieses Ringen zwischen innerer Schönheit und innerem Kampf spricht den Betrachter seiner Fofografien unmittelbar an.
An dieser Stelle möchte ich einen kurzen Filmbeitrag (5:03) mit Impressionen und Statements des Künstlers und der Ausstellungsmacher anlässlich der Eröffnung der Retrospektive in Berlin einfügen.

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»Es fällt mir schwer, lächelnde Bilder zu machen.« A.C.


In der Ausstellung ist mir kein Bild in Erinnerung, auf dem gelächelt wurde. Corbijns Fotos wirken sehr ernsthaft und verbreiten eine existentielle Grundstimmung. Er erklärt diese existentielle Seite seiner Kunst mit den frühen Prägungen seines protestantischen Elternhauses, in dem die religiöse Beziehung zwischen Leben und Tod immer eine große Rolle spielte. Diesen biografischen Hintergrund wollte Corbijn mit seiner Hinwendung zur Fotografie überwinden. Das ist ihm nach eigenem Bekunden aber nicht wirklich gelungen. Heute akzeptiert er diese Ernsthaftigkeit, die aber im kreativen Sinne dazu geführt hat, dass seine Fotos >eine tiefe Verletzlichkeit und große Vertrautheit (...) flüchtige, vielschichtige und unendlich fesselnde Nuancen von Initimität< ausstrahlen (1). Als Fotograf und Regisseur porträtiert Anton Corbijn seit bald 40 Jahren Musiker, Schauspieler, Schriftsteller und Persönlichkeiten des Kulturlebens. Viele seiner Bilder sind längst zu Ikonen geworden. Im Folgenden zeige ich Beispiele aus dem Ausstellungsteil  1-2-3-4 . 
Hier präsentiert er seine Arbeiten aus der Musikwelt. Porträts und ganze Band-Studien entfalten sich hier.  



Rolling Stones


Herbert Grönemeyer


Nirwana


Tom Waits

Blicke in den zweiten Ausstellungsteil Hollands Deep: 

Blicke in den Ausstellungsteil: Hollands Deep: An einer gewaltigen Bildwand hat er 57 Portraitfotos von Künstlern wie Vanessa Paradise, Frank Zappa, Georg Baselitz, Isabella Rossellini, Willem Dafoe, Marianne Faithfull, Jonny Depp u.a. versammelt. Eine gigantische Galerie zur Geschichte des Rock und Pop und der darstellenden und bildenden Künste.


Ausschnitt von der Bildwand


Während seiner Arbeit an der Serie Star Trak erweiterte Corbijn erstmals sein Bildpersonal um interessante Menschen aus Film, Mode, Kunst, Wissenschaft und Literatur.

Links: Bernd und Hilla Becher, Rechts: Kate Moss

Linke Seite: Steven Spielberg, David Lynch, Rechte Seite: Herbert Grönemeyer, Michael Schumacher


V.l.n.r.: Luc Tuymans, Lucian Freud, Peter Doig, John Baldessari



»Die Wirklichkeit ist nun mal nicht perfekt....Ich lasse etwas Zufälliges, Unperfektes zu, damit alles in der Schwebe bleibt. Denn es zeigt, wie zerbrechlich wir sind.« A.C.



Corbijn arbeitet fast nur schwarz-weiß und bis heute meist analog auf Film. Erst jetzt beginnt er mit dem Experiment, seine Negative zu scannen und digital zu bearbeiten. Der Rechner ist dann für ihn die beste Dunkelkammer, die ein Fotograf haben kann. Er kombiniert damit > das Beste aus beiden Welten<.

Für Anton Corbijn ist das Analoge im Prozess des Fotografieren aber elementar geblieben. Zum Fotografieren geht er raus und macht mit dem vorhandenen Tageslicht seine Bilder. Erst beim Entwickeln erkennt er einige Tage später, was auf dem Film tatsächlich vorhanden ist. Mit dieser Methode vermeidet Corbijn den Versuch, ein Bild immer noch perfekter zu machen. Photoshop und die Versuchungen der digitalen Fotografie sind ihm ein Greuel.

Manchmal steht der Porträtierte außerhalb der klassischen Bildmitte. Die grobkörnigen monochromen Bilder wirken unscharf, manchmal etwas verwaschen. Dadurch entsteht eine tiefe Melancholie. Das Unperfekte ist das stilistische Markenzeichen seiner Fotokunst. Hierzu möchte ich folgendes Beispiel zeigen:

Linkes Bild: Peter Gabriel am Rande des Geschehens als eine verschwommene Figur am Ende einer kurvigen Straße. Wohin führt sein Weg? Rechtes Bild: Die Bildikone mit Miles Davis


»Die Kamera hat mir den Weg ins Leben eröffnet « A.C.


Corbijn wuchs auf einer Insel an der niederländischen Küste auf. Sein Vater war Pfarrer und er ein Einzelgänger, der sich mit Musik in die Welt hinausträumte.
Anton Corbijn nimmt mit 17 Jahren zum ersten Mal eine Kamera in die Hand, um in Groningen die lokale Musikgruppe Solution bei einem Konzert zu fotografieren. In diesem Augenblick sei ihm klar geworden, dass er seine Insel verlassen musste, um zu dieser magischen Welt zu gelangen.
In seiner Serie a.somebody greift Corbijn dieses Thema der Flucht über die Fotografie in die Welt der Musik auf. Hierzu ein Beispiel.

Für dieses Projekt a.somebody kehrte er an seinen Geburtsort zurück. Mit Hilfe von Kleidung, Perücken und Schminke verwandelt er sich zum Beispiel in Elvis Presley (Bild. links) und Janis Joplin (Bild: rechts). Elvis Corbijn steht mit seinen blendend weissen Stiefeln im Dreck inmitten eines Schrottplatzes. Hierzu steht der lilafarbene Straßenkreuzer, der auf einem der Container steht, in einem herrlichen Kontrast. In seiner Hommage an Janis Joplin trägt er eine wallende Perücke und Hippieoutfit und schaut durch rot-runde Brillengläser. Verstorbene Musiker, die er sehr schätzte. Mit diesen Verwandlungen verarbeitet er auch die frühen Prägungen seines protestantischen Elternhauses, in dem die religiöse Beziehung zwischen Leben und Tod eine große Rolle spielte. Indem er a.Presley und a. Joplin wird, zeigt er seine Identifikation mit der internationalen Musikszene und dokumentiert seinen fotografischen Fluchtweg aus dem isolierten Strijn in die weite Welt. Dort sollte er letztendlich a.somebody werden.

»Keiner konnte damals ahnen, dass diese Bilder zu Ikonen werden«. A.C. (2)


Dieses Zitat von Corbijn bezieht sich auf das wohl berühmteste Foto von James Dean, das ihn in am New Yorcker Times Square im Regen zeigt. Das gilt sicherlich aber auch für Corbijns legendäres Miles-Davis-Foto, aufgenommen 1985 in Montreal.
Corbijn war damals für Davis ein unbekannter Fotograf von irgendeinem Musikmagazin. Sechs Minuten wurden ihm für das Shooting gewährt, das in einem Hotelzimmer stattfand.
Er bat Miles Davis für sein Foto einmal das Gesicht mit seinen Händen zu zerknautschen.
Diese spontane unter Zeitdruck entstandene Inszenierungsidee bannte Corbijn fotografisch als einen ungewöhnlich intensiven Moment persönlicher Authentizität.
Corbijn ist kein Freund von Studioaufnahmen und ausgerechnet das Miles-Davis-Foto als eines der untypischeren wurde so zur Ikone, das Corbijn es auch als Header für die Ausstellungswerbung besonders herausstellt.

In der Retrospektive kann man das Miles-Davis-Bild gleich zweimal sehen. Hier ist es als überlebensgroßer Ausschnitt, aufgezogen auf einer Wand, die den Weg zur Ausstellung weist, zu sehen. Die Vergrößerung betont die tellergroßen Pupillen des Jazzmusikers, in denen sich Corbijns Silhouette spiegelt. Ein Bild, das gleichzeitig Porträt und Selbstporträt ist, es zeigt den Meister in seiner Ikone.

Zum 60. Geburtstag von Anton Corbijn bespielt das C/O Berlin erstmals das ganze Haus mit 500 Fotos von Miles Davis bis U2.
C/O Berlin zeigte die Ausstellung als einzige Station in Deutschland.

Zu beiden Teilen der Retrospektive ist jeweils ein eigener Katalog erschienen:
Hollands Deep bei Schirmer/Mosel und 1-2-3-4 bei Prestel.

Hier noch einige Blicke in die Ausstellung.

Eingang zur Ausstellung 1-2-2-4

Blick in den Ausstellungsteil: 1-2-3-4

Blick in den Ausstellungsteil: Hollands Deep



Blick in den Ausstellungsteil: Hollands Deep


Anton Corbijn
wurde am 20. Mai 1955 als Sohn des Pfarrers von Strijen geboren. In einem Interview bekannte er, dass er tief protestantisch geprägt sei. Seine Fotografie bezeichnet Corbijn als protestantisch. 
Im Alter von neunzehn Jahren wurde er freier Fotograf. 

Bekannt wurde er mit seinen Fotos von Popkünstlern und anderen Prominenten. Das erste Foto, das von ihm in einem Musikmagazin abgedruckt wurde, stammt vom Auftritt der Band Solution in Groningen 1972.
Darüber hinaus stammen viele Plattencover aus der Hand von Corbijn, so zum Beispiel von U2.
Mit den Bands Depeche Mode und U2 ist Corbijn eng verbunden. Beide Bands begleitet er bereits seit vielen Jahren als Art Director.

Corbijn führte Regie bei zahlreichen Musikvideos. Für das Video zu Heart Shaped Box der US-amerikanischen Rockband Nirvana erhielt er 1994 einen MTV-Award.

Am 10. Januar 2008 lief Corbijns erster Spielfilm Control, der die Geschichte von Ian Curtis, dem Sänger der Band Joy Division, erzählt, in den deutschen Kinos an.

2012 wurde er in die Wettbewerbsjury der 62. Internationalen Filmfestspiele von Berlin berufen.

In den letzten Jahren liegt sein Fokus auf Spielfilmen. Als Regisseur von Control (2007), The American (2010), A Most Wanted Man (2014) und Life (2015) ist er weltweit bekannt geworden.

Anton Corbijn lebt in Den Haag und arbeitet immer dort, wo es etwas zu fotografieren oder zu inszenieren gibt. (3)

Ausstellung:
07/11/15 bis 31/01/16
Anton Corbijn . Retrospektive
Hollands Deep & 1-2-3-4
C/O Galerie in Berlin


Die C/O Galerie in Berlin mit Ausstellungsplakat


(1) Quelle: Ausstellungsbroschüre C/O Berlin
(2) Quelle: Art 12/15
(3) Quelle: Wikipedia

Weiterführende Links:


Sämtliche Fotos: Fred Tille
Obwohl meine Fotos im Rahmen der tagesaktuellen Berichterstattung nur allgemeine Ausstellungsansichten ohne explizite, detaillierte Werkfotos zeigen, bitte ich die Urheberrechte des Künstlers, Anton Corbijn, an seinen Werken zu beachten.

Montag, 14. Dezember 2015

Noch 30 Jahre bis 2045 | Singularity-Was bleibt vom Menschen?

Auf einem Foto in seinem Buch Menschheit 2.0 trägt Ray Kurzweil, der Prophet des Transhumanismus, ein schmutziges Pappschild vor der Brust mit der Aufschrift: The Singularity is near (1). Ein selbstironischer Auftritt, der an einen Straßenprediger erinnern soll, der vor dem nahen Weltuntergang warnt und die Menschen zur Umkehr aufruft. Das Projekt der Singularität ist in seiner Konsequenz aber alles andere als lustig. 



Singularity und Transhumanismus: Die gefährlichsten Ideen der Gegenwart


Singularity, kennzeichnet den Zeitpunkt, an dem Maschinenintelligenz die Gesamtheit der menschlichen Intelligenz überschreiten und deshalb jede weitere Zukunftsvorhersage unmöglich wird. Die technologische Neuerungsrate überschlägt sich so exponentiell, dass die Menschen die technische Fortentwicklung nicht mehr nachvollziehen und vorhersagen können. Die künstliche Intelligenz ist dann in der Lage auch und gerade ohne Zutun des Menschen sich selbst umzugestalten.

Die Absichten dieser superintelligenten Kraft sind dem Menschen dann nicht mehr voll zugänglich und Entwicklungen auch nicht mehr zuverlässig steuerbar. Maschinen übernehmen das Denken, der Mensch transzendiert sein Dasein. Kritiker stellen die berechtigte Frage: Was passiert, wenn diese künstliche Intelligenz außer Kontrolle gerät und diese nicht besonders zuvorkommend mit den Menschen umgeht? Der Mensch 2.0 ist dann selber unter die Objekte der Technik geraten. Ray Kurzweil prognostiziert diese exponentielle Zunahme der informationstechnologischen Entwicklung für das Jahr 2045.  

Mensch 2.0

Kurzweil ist der Hauptverfechter des Singularity - Konzepts und er ist keineswegs ein futuristischer Wirrkopf. Er gilt als anerkannter Zukunftsforscher und ist Chefentwickler bei Google. Bill Gates bezeichnet ihn als besten Futurologen der Gegenwart. Dennoch wird der Transhumanismus häufig als Religion der Digital Natives und Nerds abgetan. Dem ist aber nicht so. Einige der vermögendsten, technikaffinen und einflussreichsten Unternehmer und Wissenschaftler im Silicon Valley haben sich dem Konzept der Singularity verschrieben. Sie glauben, dass allein Technologie die Probleme der Welt lösen kann. Zugleich erlaubt der technologische Fortschritt der Menschheit die Kontrolle über die eigene Evolution zu übernehmen. Gegen diesen Denkansatz hat sich Ende 2004 der US-amerikanische Politikwissenschaftler Fukuyama ausgesprochen und den Transhumanismus als die gefährlichste Idee der Gegenwart bezeichnet.

Im folgenden YouTube Beitrag könnt ihr euch ein aufschlussreiches Statement von Kurzweil zur Zukunft der menschlichen Spezies im Rahmen des Kongresses GlobalFuture 2045 mit Übertiteln in englischer Sprache ansehen.



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2045 - Schöne Neue Welt ? Unsterblichkeit und Mensch 2.0?

Bis zum Jahr 2045 soll der Mensch seine biologischen Grenzen überwunden haben. Möglich werden soll das durch die zunehmende Verschmelzung von Mensch und Technik. Diese neue Hybridform zeichnet sich durch verbesserte geistige Fähigkeiten aus und ihre Zellstruktur wird dank körpereigener, antioxidativ wirkender Nanoroboter laufend regeneriert.

Nanoroboter

Die radikalen Anhänger des Transhumanismus, zu denen auch Kurzweil gehört, denken noch weit darüber hinaus. Ihr Ziel ist es, die Einheit von Körper und Geist ganz aufzulösen. Sie hoffen, dass es uns künftig gelingt, unser Wissen, unsere Fähigkeiten und unsere Persönlichkeit zu digitalisieren. Dieses digitale Ich könnten wir dann in beliebige virtuelle Körper und virtuelle Welten hochladen. So könnten wir ewig leben und wären nicht mehr auf unsere sterbliche Hülle angewiesen.

Das Projekt der Singularität verfolgt damit nichts anderes als die Abschaffung der Menschheit, so wie wir sie kennen.Das Ende des Menschen als körperliches Wesen aus Fleisch und Blut, mit Selbstbewußtsein und Seele. Im Ergebnis dieser genetisch-technologischen Revolution würde der Mensch 2.0 nach Ansicht der Transhumanisten einen uralten Menschheitstraum verwirklichen: Unsterblichkeit!

Singularity

Die Singularity Universität als Think Tank für Transhumanismus und Posthumanismus


Diese superintelligente Menschmaschine, die durch mind-uploading intelligenter, schneller, effektiver und widerspruchsfreier agieren soll als der alte Mensch 1.0 zu konstruieren, bedeutet noch sehr viel Arbeit und verschlingt auch sehr viel Geld.
Deswegen hat Kurzweil 2008 im Silicon Valley die Singularity University unter tatkräftiger Mithilfe von Google und der Weltraumbehörde Nasa gegründet.

An der Transhumanismus-Hochschule studieren neben Studenten auch Manager und Politiker. Sie werden im exponentiellen Denken geschult. Die Quellen für ihre Visionen finden die Transhumanisten in der wissenschaftlichen Grundlagenforschung.
Auf dem Lehrplan der Elite-Uni, die außerordentlichen Zuspruch erhält, stehen folglich Informatik, Robotik, Neurowissenschaften, Luftfahrt, Nanotechnologien, Jura, Statistik, aber auch praktische Übungen in Schwerelosigkeit.

Aus Tausenden Bewerbern, die bereit und in der Lage sind für einen zehnwöchigen Kurs 25.000 US-Dollar auszugeben, kann die Singularity University jährlich achtzig Studenten auswählen. Die Lehrenden und Lernenden verstehen sich als Think Tank der technologischen Elite und zugleich als globale Botschafter ihres futuristischen Weltbildes. Ray Kurzweil ist mit seinen Ideen bis ins Weiße Haus vorgedrungen. Das bekannte Brain Project von Präsident Obama basiert nicht zuletzt auf Kurzweils Visionen. 

Cyborg


Wird der nächste US-Präsident ein Cyborg sein (2)?Drei Schritte auf dem Weg zu einer transhumanistischen Gesellschaft


In enger Zusammenarbeit mit der Singularity University leiteten die Anhänger des Transhumanismus in den USA im Jahr 2014 drei Schritte auf dem Weg zu einer transhumanistischen Gesellschaft ein.

  • Der Start des Google-Biotechnologieprojekt Beendet das Altern und besiegt den Tod
  • Die Intensivierung der BRAIN-Initiative von Präsident Obama (Brain-Computer-Interfaces)
  • Die Gründung der Transhumanistischen Partei in den USA  

Die Botschaft lautet: Die Technik wird alles lösen, sie ist in ihrem unaufhaltsamen und teilweise unumkehrbaren Fortschritt der universelle Hebel zur Lösung der globalen Menschheitsprobleme.
Damit will sich die radikale internationale Technikcommunity in das Ringen um konkrete politische Macht einschalten und die Ideen des Transhumanismus zu einem dauerhaften politischen Faktor in der öffentlichen Wahrnehmung etablieren.

Roboter


Der Wolf im Schafspelz und das Prinzip Verantwortung


Stefan Lorenz Sorgner, ein bekannter deutscher posthumanistischer und transhumanistischer Philosoph, äußerte sich in einem Zeit-Interview (3): "Zunächst einmal ist die Verschmelzung von Mensch und Technik eine Entwicklung, die bereits stattgefunden hat. Wir sind ja schon Cyborgs, diejenigen etwa, die einen Herzschrittmacher tragen. Mit dem technischen Fortschritt gehen enorm viele Facetten einher, die unser Leben einfach lebenswerter machen und unsere Lebensspanne unglaublich erweitert haben. Aus transhumanistischer Sicht lautet die Überlegung also: Warum sollte diese Entwicklung aufhören?"

Mit dieser unverfänglichen Argumentationskette beginnt fast jeder Transhumanist seine Überzeugungsarbeit. Welcher vernünftige Mensch sollte etwas gegen Herzschrittmacher oder Exoskelette haben, die Querschnittsgelähmten neue Möglichkeiten der Mobilität eröffnen. Was der Wolf im Schafspelz meistens nicht beantwortet, ist die Frage, was am Ende dieser Entwicklung steht und was vom Menschen bleibt.

Die Verschmelzung

Und die Entwicklung ist bereits weitergegangen. Die Firma Alcor in Scottsdale, Arizona (USA) offerierte bereits 2004 für 120.000 Dollar die kryonische Aufbewahrung des ganzen Körpers. Wer an die Rekonstruktion des Körpers mit künftiger Gentechnik oder an das Mind uploading in künftige Supercomputer glaubt, kommt preiswerter weg: Haltbarmachung des Gehirns bis zur Wiederbelebung kostet nur 50.000 Dollar.


Angesichts der schnellen Fortschritte in der Biotechnologie wird es bald künstlich erzeugte Ersatzorgane, spezielle Medikamente, Roboter und künstliche Gliedmaßen geben, die das Leben erheblich verlängern werden. Fortschritte, die sich nur die Vermögenden und Reichen dieser Erde werden leisten können. Und damit stellt sich die Frage nach einer Zukunft, in der zwischen den Gesellschaftsschichten eine biologische Kluft aufbricht und in der sich die Superreichen zu einer völlig neuen Spezies entwickeln können, die mindestens 20 Jahre länger lebt und folglich auch länger aktiv ist.

Die Entwicklung von Technik und Wissenschaft zeigt, dass das, was technisch machbar ist, auch unaufhaltsam vorangetrieben wird. Aus technologischer Sicht können wir die Grenzen des künftig Machbaren kaum setzen. Müssen wir nicht aus moralischen Gründen Grenzen setzen?
Theologen und Technikphilosophen setzen deshalb auch ihre fundamentale Kritik transhumanistischer Positionen an deren ethischen Defiziten und blinden Flecken in ihren Argumentationslinien an.

Ein Androide entsteht

In einem der bedeutendsten philosophischen Werke des 20. Jahrhunderts Das Prinzip Verantwortung-Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation hat Hans Jonas (1903-1993) bereits 1979 eine Antwort auf die spezifisch neuen ethischen Herausforderungen der technologischen Zivilisation gegeben. Er sprach sich für eine Heuristik der Furcht beim Betreten des Neulands Hochtechnologie aus. Für die ethische Theorie war dieses Neuland damals noch ein Niemandsland, das nach und nach theoretisch und philosophisch erschlossen werden musste. Dieser kritische Prozess dauert bis heute an.

Auch die Transhumanisten kennen die Probleme, die mit den neuen ethischen Herausforderungen der technologischen Zivilisation einhergehen und setzen sich mit ihnen auseinander. Dennoch sehen sie im Fortschritt letztlich mehr Vor- als Nachteile, weshalb sie davon ausgehen, dass sich diese bereits fortgeschrittenen Entwicklungen durchsetzen werden. Ihrer Auffassung nach müssten die Menschen vielmehr lernen, mit den damit verbundenen Schwierigkeiten und Risiken umzugehen.
Das Argument der Selbstüberschätzung lassen sie nicht gelten und Kritiker ihrer Positionen werden oftmals unter den Generalverdacht der ewig Rückständigen gestellt.

Prometheus noch gefesselt

Zum Abschluss möchte ich deshalb Hans Jonas zitieren: "Der endgültig entfesselte Prometheus, dem die Wissenschaft nie bekannte Kräfte und die Wirtschaft den rastlosen Antrieb gibt, ruft nach einer Ethik, die durch freiwillige Zügel seine Macht davor zurückhält, dem Menschen zum Unheil zu werden (4)."

In 30 Jahren vielleicht.

Heuristik der Furcht

Notes:

(1) Diesen Link habe ich nur eingefügt, um auf das im Post genannte Foto von Ray Kurzweil zu verweisen. Die website GarmaOnHealth von Joe Garma enthält ansonsten eine sehr private Sicht und Interpretation auf die Wege zu einem vitalen Leben.
Discover how to get stronger, look better and live longer! wie es von Joe Garma vertreten wird, entspricht nicht unbedingt der Meinung des Autors.

Ein Interview mit Zoltan Istvan veröffentlicht in WIRED :
Autor: Max Biederbeck, 07.11.2014.
Istvan ist ein prominenter Verteter des Transhumanismus, Autor des kontrovers diskutierten Sience-Fiction-Romans The Transhumanist Wager und Spitzenkandidat seiner eigenen Partei, der Transhumanistischen Partei der USA.
Das online Magazin WIRED stellt regelmäßig die interessantesten Artikel des Internets aus Technologie, Kultur, Wissenschaft, Business und Design zusammen.

Ein Gespräch mit dem Philosophen Stefan Lorenz Sorgner, der auf die großen Vorzüge eines digital getunten Körpers setzt.
Von Judith E. Innerhofer
Editiert am 13. Mai 2013, DIE ZEIT Nr. 20/2013

(4) Quelle: Das Prinzip Verantwortung-Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation, Suhrkamp Taschenbuch 1085, S.7

Weiterführende Links:

Über Ray Kurzweil:
Die Ökonomie der Kurzweilschen Unsterblichkeit erklärt sich gut durch einen Besuch beim Onlineshop Ray and Terry’s

TELEPOLIS | heise online:

Die offizielle Website: What is Singularity University?
Die Singularity University im amerikanischen Silicon Valley soll sich nach den Vorstellungen seiner Gründer mit dem künftigen Einsatz von Zukunftstechnologien beschäftigen und die herkömmliche, akademische Ausbildung ergänzen. 

Ein guter Überblick zu den Fragen: Sind transhumanistische Zukunftsprognosen über die technologische Entwicklung realistisch, und welche ethischen und anthropologischen Konsequenzen ergeben sich daraus.

Stefan Lorenz Sorgner ist ein deutscher posthumanistischer und transhumanistischer Philosoph, ein Nietzsche-Forscher, Musikphilosoph und ein Experte im Bereich der Ethik der neuen Technologien. (Quelle: Wikipedia )

Sie bezeichnen sich als die erste Partei der säkularen und evolutionären Humanisten. Nach eigener Aussage stellen sie den Menschen über Dogmen und Ideologien. Sie setzen sich für die individuelle Freiheit, eine soziale Gesellschaft und wissenschaftlichen Fortschritt ein.

Das Prinzip Verantwortung. Einen guten Überblick über Thesen und Aufbau des Buches sowie eine Kritik und Würdigung dieser philosophischen Ethik gibt der folgene Eintrag bei Wikipedia.

Sämtliche Illustrationen: Fred Tille