Privater Kunstblog zum Thema:

Künstlerisches Handeln in Zeiten globaler Umbrüche


Die Welt von heute scheint aus den Fugen geraten. Sie ist durch große Unsicherheit, Unübersichtlichkeit und Fragilität, Krieg und Flucht, Terror und Gewalt geprägt. Damit ist die Entwicklung unserer zukünftigen Lebenswelten wieder zu einem bedeutsamen Schwerpunkt in der Kunst geworden. Auch die Erkenntnisse und Prognosen der Techniksoziologie und der Zukunftsphilosophie werden zunehmend als Gegenstand der Kunst entdeckt. Die bildende Kunst, das Theater, die Literatur und der Film reagieren darauf auf unterschiedliche Art und Weise. Mich beschäftigt die Frage, wie kann sich der Künstler, der ja Teil dieser Entwicklungen ist, den sich daraus ergebenden existentiellen Herausforderungen sinnvoll nähern? In diesem Zusammenhang möchte ich meine Bilder aus der Zeit um 5 nach 12 in lockerer Folge vorstellen. Texte zu den globalen Auswirkungen des westlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems ergänzen diese bildlichen Darstellungen. Über Reaktionen von Künstlern, die einen ähnlichen Ansatz verfolgen, würde ich mich freuen.


Freitag, 30. Mai 2014

Vorher, Dabei, Nachher

Das TIME Magazin beschreibt Ende 2009 das vergangene Jahrzehnt des gerade angebrochenen 21. Jahrhunderts mit „The Decade From Hell.“ Als Beispiele werden der Anschlag auf das World Trade Center am 11.09.2001, die Kriege in Afghanistan und im Irak und die globalen Auswirkungen der Pleite der Lehmann-Brothers angeführt. Zwischenzeitlich haben wir die Atomkatastrophe von Fukushima, die Zunahme der Umweltzerstörung und die Auswirkungen des Klimawandels erlebt. Aktuell wütet immer noch der Bürgerkrieg in Syrien, und in der Ukraine werden wir Zeugen von bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen auf europäischem Boden. 
Das verselbständigte Wirtschaftswachstum gefährdet weltweit die natürlichen Lebensgrundlagen trotz sozialstaatlicher und ökologischer Korrekturen. Wissenschaft und Technik ordnen sich immer mehr dem Gesetz der Gewinnmaximierung unter. Die Globalisierung der Märkte und die fortgesetzte Ausbeutung der Dritten Welt erzeugen immer neue Krisen, deren Folgen nicht abzusehen sind. Die Planbarkeitsversprechen von Ökonomie, Wissenschaft und Politik enttarnen sich weitgehend als Leertastenprogramme. bei gleichzeitiger Beschleunigung, Vernetzung und Zunahme digitaler Überwachung fast aller Lebensbereiche.

Vorher, Dabei, Nachher | Triptychon, je Tafel H 120cm x B 90 cm, Mischtechnik a. Lwd. | 2010

Man braucht kein Anhänger derjenigen zu sein, die glauben morgen würde die Welt untergehen, um festzustellen: Es steht nicht gut um die Zukunft unseres Planeten. Diese bedrohlichen Szenarien erzeugen bei vielen Menschen Zukunftsängste, bei einigen mit überdurchschnittlichem Empfindungsvermögen sogar Endzeitstimmungen.
Von diesen Entwicklungen lassen sich natürlich auch Künstler beeinflussen; vor allem diejenigen, die in ihr Werk gesellschaftspolitische Positionen miteinbeziehen. Auch mich interessiert die Frage, wie kann sich der Künstler, der ja Teil dieser Entwicklungen ist, diesen existentiellen Herausforderungen sinnvoll nähern?

Vorher

Zeitgenössische Künstler wie z.B. Cindy Sherman, Bruce Naumann, Santiago Sierra, Michelangelo Pistoletto spiegeln in ihren Werken zerstückelte, zerbrochene, zerstörte Welten wieder. Explizite letzte Momente beinhalten auch die Zyklen von Helmut Schweizer. Schweizer kombiniert z.B. die zwei Männer, den Mondaufgang betrachtend, aus Caspar David Friedrichs berühmten Gemälde „Mondaufgang am Meer“ mit dem Foto einer atomaren Unterwasserexplosion auf dem Bikiniatoll. “Die beiden Männer scheinen in einer Höhle zu stehen und ins Nichts hinauszuschauen. Für Schweizer birgt das Bild etwas > sehr Endzeitliches. Wenn es irgendwelche letzten Momente gibt, dann werden sie wohl so aussehen <, meinte der Künstler. (Quelle: Gregory Fuller, Endzeitstimmung, Düstere Bilder in goldener Zeit, Dumont, Köln 1994, TB 304, S.160f.). Künstler wie Francis Bacon und Andy Warhol nutzten dabei immer wieder das darstellerische Prinzip des Triptychons oder der Serie, um Zeitabläufe und Zustände künstlerisch darzustellen.
Diese Motive und Stilformen greife ich in meiner künstlerischen Arbeit auf. Mein Triptychon Vorher, Dabei, Nachher basiert auf dem Prinzip der Dreierserie, der denkbar knappsten Darstellung eines Handlungsablaufs. Im Dreischritt in die Katastrophe. 
Das Triptychon zeigt zwei junge Männer, die in Freizeitkleidung sorglos, heiter und gelassen, an Gleichgültigkeit grenzend durch sich auflösende Landschaften spazieren. Sie verkörpern eine öffentliche Seelenruhe, die überall erkennbare Symptome nicht zur Kenntnis nimmt. Verdrängung heißt das Zauberwort. 

Dabei
 
Am Ende stehen sie überrascht nur als Umriss- oder Schattenmenschen gezeichnet und schauen erstaunt in den Abgrund eines bröckelnden Arkadiens. Es ist soweit. Rien ne va plus! Sie ähneln Menschen, die ahnungslos in einem Minenfeld umherirren und sich dabei nur um die zukünftige Inflationsrate sorgen. 

Nachher
 

Die tief greifenden gesellschaftlichen, ökologischen Umwälzungen sind künstlerisch nicht wirklich adäquat darstellbar. Die Welt kann durch die Kunst allein nicht zum Besseren verändert werden, aber die Kunst kann Zeichen setzen und Mahnungen aussprechen. 
Das Triptychon hatte ich 2010 zum ersten Mal im Rahmen einer Gruppenausstellung im Berliner „Haus am Lützowplatz“ ausgestellt. In seiner Einführungsrede formulierte Dr. Heinrich Wörmann, folgendermaßen: „FRED TILLE spielt in seinen Bildern den Metropolisblues mit Endzeitstimmung. Man sieht die brennenden Twin Towers und aktuell stehen einem das verqualmte Moskau oder die Sintflut in Pakistan vor Augen. Es steht nicht gut um uns. Rien ne va plus.“*

Haus am Lützowplatz, Blick in die Ausstellung. An der Wand im Hintergrund die ersten beiden Tafeln des Triptychons

 

* Gemeint sind die gewaltigen Waldbrände um Moskau und die verheerende Flutkatastrophe in Pakistan (Anm. d.Verf.).


Siehe hierzu auch: 

(Quelle des Zitats: Druckversion der Begrüßungs- und Eröffnungsrede zur Ausstellung „ÜberBrücken“, Dr. Heinrich Wörmann, Vorsitzender des Förderkreises Haus am Lützowplatz, Berlin, 12.08.2010).